Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1870)
- Date
- 1870-11-29
- Page
- Seite 940 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226793--28953-3302821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
940 stand der Cultusgemeinde werde Sorge tragen, daß in dieser Hinsicht nichts den jüdischen Glauben Verletzendes präjudicirt werde. Der Vorsitzende erwidert, daß der Vorstand dieser Angelegenheit bereits seine Aufmerksamkeit zugewendet habe, und Herr Frankl erklärt, daß schon vor zwei Jahren der Gemeinderath den principiellen Beschluß gefaßt habe, daß es jeder Religions-Genossenschaft freistehen sollte, gesonderte Abtheilungen auf dem Centtal-Friedhofe zu verlangen. Die liberale Majorität des Gemeinderathes habe mit ihrem Beschluß keinerlei Zwang irgend einer Confession auferlegen wollen; sie verwarf nur den Programmpunkt, der schon im voraus anordnet, bei der Anlage des Central-Friedhofes auf nach Confessionen gesonderte Abtheilungen Rücksicht nehmen, weil sie dem Central-Friedhofe keinen confessionellen Charakter aufdrücken und den Religions-Genossenschaften nicht präjudicrren wollte. In diesem Sinne habe auch er gesprochen und betont, man solle es den Religions-Genoffenschasten überlassen, gesonderte Friedhofs-Abtheilungen zu verlangen. Diese Erklärung wird mit Befriedigung entgegengenommen. Nachdem noch von mehreren Mitgliedern eine Reform, respective Abkürzung des jüdischen Gottesdienstes in Anregung gebracht worden, schritt die Versammlung zur Probewahl. Pest, 14. Nov. Vom Ausschuffe des ung. Israel. Landeslehrervereins wurde dieser Tage ein Aufruf an sämmtliche israelitische Lehrer Ungarns versandt. Da durch diesen Aufruf hauptsächlich der Anschluß sämmtlicher Lehrer des Vaterlandes erzielt werden soll, um hierdurch dem Vereine erhöhte Kraft und einen ausgedehnten Wirkungskreis zu verschaffen, so wäre es erwünscht, daß jeder Lehrer in den Besitz des benannten Aufrufes gelange. Es werden daher diejenigen Herren Lehrer, denen der Aufruf nicht zu Händen gekommen, ersucht, ihre Adressen dem Vicepräses des Vereines, Herrn Direktor Eleazar Seligmann (Pfeifergasfe Nr. II) gefälligst einsenden zu wollen. —. Im vorigen Jahre kam von Waitzen die Meldung an die Stadt Pest, daß am 20. Novbr. aus dem Tempel der israel. Gemeinde der benannten k. Freistadt zwei Talles (Betmäntel) gestohlen, resp. geraubt worden fein. Der Fall wurde curremirt und meldeten auch sofort die Herren Löwy und Burian, daß sie die Käufer der Effecten gewesen wären. Mittelst der Angabe, welche diese beiden machten, gelang es auch der Sicherheitsbehörde, dem Tempelräuber in der Person eines gewissen Sam. Grünbaum auf die Spur zu kommen. Derselbe stand gestern vor dem Criminalgericht, des Tempelraubs angeklagt. Er leugnete seine That nicht, wohl aber versuchte er, sich damit zu entschuldigen, daß er in dem Tempel eingeschlafen sei, und als er aufwachte, die Roth seiner Familie bedacht habe, die weder Holz — die Novemberzeit war damals gerade recht widrig — noch Brod hatte. Unter der Einwirkung dieser Gedanken verübte er die That, deren Folgen er augenblicklich nicht bedachte. Der öffentliche Ankläger beantragte 10 Monate schweren Kerkers, doch der Gerichtshof fand den Tempelraub für constatirt und verurcheilte ihn zu zweijähriger schweren Kerkerhaft. Frankreich. Tours, 15. Nov. CrLmieux hat ein Decret erlassen, wodurch neue Regeln bei den Wahlen für die Großrabbiner und für die Gemeinderabbiner festgestellt werden. Wir werden bald im Stande fein, den Inhalt dieses Reglements genauer angeben zu können. Serbien. Belgrad, 10. Nov. (Privatmitth.) Bis jetzt ist leider die Judenfrage in Serbien und in den Donausürftenthümern als eine rein administrative, innere Angelegenheit behandelt worden, weßhalb alle offiziösen Reclamationen und freundschaftlichen Vorstellungen seitens der Großmächte erfolglos geblieben sind. Voraussichtlich wird diese wichtige Frage zum Heile unserer bedrückten Glaubensgenossen sich recht bald zu einer internattonalen gestalten, und die Schutzmächte werden somit gezwungen sein thatkräftig und energisch zu interveniren, um den mißachteten Capitulattonsverträgen den nöthigen Respect zu verschaffen. Denn die orientalischen Christen, welche ihre Unabhängigkett den großen Principien unseres Jahrhunderts verdanken,