Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1870)
- Date
- 1870-11-29
- Page
- Seite 939 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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939 die Medicin ein so ungeheuerliches Uebergewicht, daß die anderen Studien gänzlich davor verschwinden — nur ein Rabbinatscandidat, nur vier Studirende der Philosophie, zu welcher Facultät bekanntlich auch die Philologie und die Naturwissenschaften gehören; das höhere Mehrfach scheint also ganz vernachlässigt zu werden. Zweitens erfahren wir, aus welchen österreichischen Ländern die meisten Studirenden kommen, und wenn man hierbei die südische Bevölkerung der Länder berücksichtigt, so erkennt man das schnelle Wachsthum der Intelligenz in Ungarn und das geringe in Galizien und der Bukowina. Allerdings haben wir hier keinen absoluten Maßstab vorliegen; denn die obigen Zahlen reden uns nur von den unbemittelten Studenten, und außerdem giebt es ^andesuniversitäten zu Prag, Pest und Lemberg. Aber es hindert uns nichts, das Berhältniß bei den Bemittelten ziemlich als gleichartig anzunehmen. Schwerlich wird es viele reiche Studirende der Philosophie geben, die etwa sich zum höheren Mehrfache bestimmt Härten; höchstens kann es eine größere Zahl der bemittelteren Studenten der Rechte geben. Auch fällt die Universität zu Hemberg gegen die zu Wien und Pest gar nicht ins Gewicht, und letztere Universität zählt eine sehr bedeutende Menge jüdischer Studirenden. — Unter den 176 Bewilligungen sind nur 6 Unterstützungen im Betrage von zusammen 155 sl., während die anderen 176 zu Eollegiengeldern und Examengebühren verwendet wurden und zwar im Belaufe von 2956 sl. Niemand wird verkennen, daß dies eine große Wohlrhat und eine wahrhafte Förderung der wissenschaftlichen Studien ist; das Berdienst des Vereines ist daher wohl anzuerkennen. Allein ebenso bestimmt stellt sich dabei heraus, daß hiermit die Unterstützung armer Studirender noch sehr mangelhaft ist, da ihnen hierdurch das Hungern nicht erspart und das Verhungern möglich ist. Den Wienern ist kein Vorwurf daraus zu machen, wohl aber den Israeliten der Grönländer, die dem Vereine ein Mehreres möglich machen sollten. . Freilich fällt der Gegenstand der Unterstützungen noch mehr dem Staate zur schwersten Verantwortlichkeit, der die Zahlung von Eollegiengeldern längst hätte beseitigen müssen, am wenigsten aber die armen Studenten damit belasten sollte. Dem Gemeinwesen sind die Studien an den llntversitäten arn unentbehrlichsten, und die bei Weitem größte Zahl der den wissenschaftlichen Studien Obliegenden kann nur aus der großen Masse des Volkes, also der Unbemittelten, erwarret werden. Es ist dies noch ein großer Mangel der deutschen Universitäten, der in anderen Ändern längst beseitigt ist. — Auch der Fond des Vereines wächst langsam an, und stieg durch Schenkungen in diesem Jahre von 6956 fl. auf 7756 sl. Bei der außerordentlichen Wohlthätigkeit der Wiener Israeliten, bei den großartigen Schenkungen, die von einzelnen Israeliten Wiens ausgchen, wäre es wohl zu wünschen, daß Einige einmal diesen Verein ins Auge faßten. Aber es findet hier abermals die eigenthümliche Erscheinung statt, daß die modernen Juden für alle Zweige der Wohlthätigkeit das wärmste Her; haben, nur nicht für die Wissenschaft und deren Studium. Wien, 15. Nov. Gestern fand aus Anlaß der vorzunehmenden Wahlen für den Vorstand der hiesigen israelitischen Eulrusgemeinde eine Wahlbesprechung statt und geben wir wegen der dabei zur Sprache gekommenen Gegenstände ausnahmsweise einen kurzen Bericht. Nachdem ein Wahlcomite, bestehend aus den Herren Di*. Max Engel (Vorsitzender,, Di-. Münchner und Julius Ritter v. Goldschmidt, eingesetzt worden, theilte der Vorsitzende mit, daß von den Heuer ausscheidenden Vorständen die Herren Frankl, Dr. v. Hosmannsthal, Äuranda und Dr. Mauthner sich zur Wiederannahme einer Wahl bereit erklärt haben, während Dr. Matzel wegen Geschästsüberhäufung aus eine Wiederwahl verzichtet und außerdem Baron Friedrich Schey aus Gesundheitsrücksichten sein Mandat niederlegte. Als Eandidaten für die zwei neu zu besetzenden Vorstandsstellen traten aus Herr Gustav Simon und Herr Hildburghäuser. Herr S. Trebitsch candidirre den Dr. Knepler, welcher bereits bei der vorjährigen Wahl eine ansehnliche Stimmenzahl erhalten, woraus der anwesende Dr. Knepler unter Berufung auf seine vor jährige Eandidateurede sich bereit erklärte, dem an ihn ergehenden Ruse der Wähler zu folgen. Hofrath v. Weil richtete hieraus an Gemeinderath Frankl eine Interpellation in Betreff des Eentral-Friedhofes. .Nachdem Herr Frankl im Gemeinderathe in dieser Angelegenheit jüngst gesprochen, fragt der Interpellant, ob die allgemein verbreitete Auffassung des Gemeinderaths-Beschlusses richtig sei, daß nach demselben Juden und Ehristen unter einander aus dem Central-Fried- Hose sollen begraben werden. Der Interpellant macht dagegen rituelle Bedenken geltend und hofft, der Bor-