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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-29 · Heft 48 (29.11.1870) · p. Seite 937

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 48 (29.11.1870)
Date
1870-11-29
Page
Seite 937 (sequence 13)
Language
German
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937 dafür durch den unbedingten Gehorsam, den sie von allen ihren Untergebenen verlangen. Bei der ausgedehnten Opposition oder Gleichgültigkeit, welcher sie in der Laienwelt begegnen, bei ihrer beschränkten Machtsphäre, welche ihnen der Staat angewiesen, haben sie längst die sichere Herrschaft nach unten für die Hingabe ihrer Selbstständigkeit gegen oben erkauft. Diese Erscheinung liegt zu sehr in der Natur, als daß sie einer besonderen Erklärung bedürfte. Für uns an dieser Stelle ist hiermit diese ganze Angelegenheit abgeschlossen, und wir tverden nicht wieder darauf zurückkommen, wenn nicht etwa wider unser Erwarten etwas Außergewöhnliches geschehen sollte. Fragt man uns aber, weshalb wir in diesem Blatte den Verlauf dieses Vorganges nicht unbeachtet ließen, so haben wir darauf Folgendes zu antworten: Zuerst ist es vom allgemeinsten Interesse, dem sich Niemand entziehen kann, der für den Culturgang der ganzen Menschheit Sinn hat, im 19. Jahrhundert ein solches Dogma eine über die ganze Erde verbreitete Kirche bezwingen zu sehen, von einem großen Theile ihrer Bekenner ohne Weigerung, vom anderen mit schwächlichem Widerspruch auf- und angenommen. Es ist dies ein Prüfstein für den wirklichen Grad der Geistescultur, welchen die Menschheit in der Gegenwart in der That einnimmt. Man mache sich hierüber keine Täuschung. Alsdann mögen wir uns auch nicht verhehlen, daß durch dieses Dogma die katholische Kirche sich noch fester und schroffer von allen anderen Religionsgenoffenschaften und der übrigen Menschheit überhaupt abschließt, so daß, wenn auch nicht in den Staatsgesetzen, doch innerhalb der einzelnen Kreise des Lebens eine inhumane und unsociale Gesinnung sich oft genug fühlbar machen wird. Wir haben nicht zu vergessen, daß durch jenes Dogma auch der Syllabus dogmatische Kraft für den Katholiken erlangt hat. Endlich ist nicht zu übersehen, daß die starre Orthodoxie in einer so großen Kirche auch auf die anderen nicht ohne ansteckenden Einfluß bleibt, und ohne es geradezu zu sagen, sich in den anderen religiösen Lagern unter dem Schutze jener zügellos geltend machen will. Aiögen wir Juden uns daher freuen, eines solchen Priesterthums und einer solchen hierarchischen Gliederung zu entbehren, und unseren Vätern, dem Geiste unserer Religion und der göttlichen Fügung Dank wissen, daß sie uns davor bewahrt haben: so darf uns dies doch nicht in Sicherheit wiegen, und wir muffen extra et intra mnros, d. h. nach Außen und nach Innen wachsam bleiben. Der Geist des hierarchischen Hochmuths und der Verdummung nimmt sehr verschiedene Gestalten an, je nach dem Material, das er vorfindet, aber er sucht überall Eingang, und wo er sich eingenistet, ist er schwer zu vertreiben. Der Kämpfe wird cs also noch genug kosten! Elbing, 9. Nov. (Privatmitth.) Bekanntlich haben die hiesigen städtischen Behörden einen fast siebenjährigen Krieg mft der k. Regierung darüber geführt, ob ein Jude Mitglied des Schulvorstandes der städtischen höheren Töchterschule sein dürfe, und ist diese Frage selbst Gegenstand einer langen Debatte des Abgeordnetenhauses gewesen. Die Thätigkeit dieses Schulvorstandes besteht in der Einziehung des Schulgeldes, Reparatur zerbrochener Fensterscheiben u. s. w.! Endlich ist diese wichtige und schwierige Frage zu Gunsten der städtischen Behörden enffchieden — da droht im Hintergründe bereits eine neue! Bei einer Dacanz der Schuldeputation wurde derselbe Israelit, Herr Dr. Jacoby sen., von der Stadtverordnetenversammlung fast einstimmig gewählt. Daß diese Wahl nach der preußischen, sowie nach der Bundesverfassung und selbst nach dem Gesetze von 1811 rechtsgültig ist, kann nicht fraglich sein; wohl aber ist es noch zweifelhaft, ob die k. Regierung die Wahl bestätigen werde, da sie allerdings das Bestätigungsrecht besitzt. — Nach der Königsberger H. Z. hat das dortige Tribunal nunmehrentschieden, daß der Wahl jüdischer Vormünder für christliche Kinder nichts Gesetzliches im Wege stehe. An hiesigem Orte ffl ein Israelit seit zwei Jahren Vormund für christliche Kinder, doch nicht ohne daß drei Collegien sich darüber berathen hatten, während vor zehn Jahren noch die Annahme des jüdischen Vormundes ohne Wetteres vorsichging. Man sieht, daß in manchen Dingen der Fortschritt nichts weiter als Beseitigung eines Rückschritts ist. Oppeln, 14. Nov. (Privatmitth.) Ein Vorgang, der schon mehrere Male in den letzten Jahren sich in Preußen abspielte und in d. Bl. besprochen ward, scheint sich jetzt wiederholen zu wollen. Ein unehelicher Knabe, Sohn einer Jüdin und eines Christen, der bereits beschnitten worden und sechs Monate alt ist, soll auf Requisition der Behörde nach dem Wunsche

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