Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1870)
- Date
- 1870-11-29
- Page
- Seite 933 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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thatkräftig ausüben zu können. Gleich nach erfolgter gegenseitiger Begrüßung, wurden die Ankömmlinge in drei, schon früher für sie bestellten und bereitgehaltenen Kremsern nach dem Hamburger Bahnhof, von welchem aus ihre weitere Beförderung bewerkstelligt werden sollte, gefahren. — Hier angekommen, nahmen sie sämmtlich familienweise das vom Comitö für sie bereitete Frühstücksmahl ein, bei welchem eine solche liebevolle Vorsorge obwaltete, daß selbst die mitziehenden Säuglinge nicht versäumt wurden, mit den nöthigen Milchflaschen versorgt zu werden. Hierauf kamen die für die Kinder der Auswanderer angefertigten Kleidungsstücke zur Vertheilung, was in wahrhaft bewunderungswürdiger Ordnung und mit äußerster Schonung vor sich ging- Das Zeug hierzu wurde als Geschenk von einem Dorstandsmitgliede hergegeben. Eine andere ebenfalls sehr angenehme Ueberraschung wurde den Gästen von einem zweiten Lorst.-Mitgliede dadurch bereitet, daß er selber viele diverse Kleidungsstücke mitbrachte, und sie eigenhändig unter den freundlichsten und angenehmsten Trostworten an dieselben vertheilte. — Durch diese und viele andere Zeichen der Liebe und des äußersten Wohlwollens, welche ihnen hier zu Theil wurden, und namemlich durch die.vorzügliche Anordnung eines Dorst.-Mitgliedes, welches die Leitung des Ganzen übernommen hatte, in die freudigste Stimmung versetzt, fühlten sich die Gäste veranlaßt, ihren warmen Gefühlen der Dankbarkeit auf echt israelische Weise in vielen schönen nnd herzlichen Segenssprüchen Ausdruck zu verleihen. Unter vielem andern Bemerkenswerthen war hierbei an diesen armen tiefgebeugten Leuten auch noch besonders chr sehr reges Gefühl für das Familienleben zu bewundern, welches in mannigfaltiger Weise und namentlich bei den Frauen mid Kindern sich kundgab, indem sie ihrer lieben Angehörigen jenseits des Oceans, mit denen sie baldigst vereinigt zu werden hofften, in den rührendsten Herzensergießungen gedachten. Gern hätten sämmtliche Anwesenden dies herzcrhebende Schauspiel noch länger genossen, als plötzlich das LäMen der Bahnhofsglocke das nahe bevorstehende Scheiden der kaum eingetroffenen, noch müden Wanderer von ihren hiesigen freundlichen Gastgebern verkündete. Demnach wurden wiederum viele Segnungen und Glückwünsche unter den Anwesenden gewechselt, und nachdem die nunmehr Ausgerüsteten chre Plätze in den vom Comit6 für sie gemiecheten Waggons in bester Ordnung eingenommen hatten, erfolgte der letzte Abschiedsgruß unter Vertheilung von Cigarren, welche auch diesmal wie immer von einem bekannten Vorstandsmitgliede in ausreichender Zahl verabreicht wurden. Schon war aber die Abfahrt erfolgt, als der vielfache Ruf „Lebewohl" noch lange ihnen nachtönte, und dieser erst mit dem völligen Verschwinden des Zuges aus den Augen endete. Möge doch dieses humane Beispiel recht viele Nachahmung finden! — I. S. S. . . n. Berlin, 18. Nov. (Privatmitth.) Bei den stattgefundenen Wahlen zum Abgeordnetenhause sind die Herren Laster (zwei Mal) und Kosch wieder gewählt worden. Letzterer wird sicherlich immer wieder die Angelegenheiten seiner Glaubensgenossen vorkommenden Falles kräftig vertreten. Breslau, 5. Nov. (Schl. Z.). In dem furchtbaren Gefechte der preußischen Garde bei Le Bourges zeichnete sich der Gefreite Karfunkel st ein, verschon bei Metz das eiserne Kreuz erhielt, aus. Nachdem schon so Mancher tödtlich gettoffen, raffte er die Fahne, die zu Boden gefallen, auf und trug sie seinen Kameraden voran. Da trifft auch ihn die feindliche Kugel und er sinkt mitsammt der Fahne. Frankfurt a. M., 15. November. (Privatmitth.) Großes Auffehen erregt hier die Verhaftung zweier Banquiers, welche auf die in London geschehene jüngste französische Anleche gezeichnet haben. Das zuständige Gericht wird entscheiden, in wie weit die Thatsachen begründet sind, und die gerechte Sttafe wegen solches landesverrätherischen Vergehens wird die Schuldigen treffen. Bemerken wollen wir nur, daß der eine Verhaftete, Kulp, ein naturalisirter Franzose ist, bei welchem also die Sache ganz anders liegt, weshalb er auch vor ein Kriegsgericht gestellt worden, der andere, Goar, kein Jude ist, vielmehr von einer christlichen Mutter abftammend, in keine Religion ausgenommen worden. Aus der Provinz Posen, im Nov. (Privatm.) Bemerkenswerch ist, daß bei den eben stattgefundenen Wahlen zum Abgeordnetenhause von 184 Wahlmän- 48