Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1870)
- Date
- 1870-11-29
- Page
- Seite 926 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226793--28939-3302807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
926 der israelitischen Nation der Fall. Von der Zeit Mosis an also bis in die des Chronisten betrachtete das Volk Israel in den ideellen wie realen Verhältnissen sich als eine „Gottesgemeinde", und sprach dies mit klarem Bewußtsein einfach aus, d. h. es erkannte sein Wesen, seine Bestimmung, seinen Zweck, die Idee seines Daseins und dieses selbst als in der Gotteslehre und deren Verwirklichung im nationalen und individuellen Leben beruhend und enthalten. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß was so consequent in den Büchern der h. Schrift vor kommt, um so mehr nach dem Abschluß des Kanons in den Geist des ganzen Volkes überging, so daß wir überhvben sind, dies in der spateren Literatur nachzu- Die ganze Geschichte des israelitischen Stammes bis auf den heutigen Tag laßt sich aber allein aus diesem einzigen Gesichtspuncte begreifen und verstehen. Schon in Aegypten, noch bevor sie die mosaische Lehre empfangen hatten, lebten die Hebräer nicht blos wegen des ägyptischen Fremdenhaffes und Kastengeistes gesondert von den Bewohnern des Landes, sondern auch weil sie von den Vätern her die Ueberlieferung vom „allmächtigen Gotte 7»>, dem Schöpfer Himmels und der Erde" hegten, trotz Verirrungen dem ägyptischen Götzendienste fern blieben und ihrem Gotte Thiere opferten, die von den Aegyptern als göttlich und heilig verehrt wurden, so daß diesen jene Opferung „ein Greuel war." Gerade dieses religiöse Moment dient deshalb Moses zum ersten Grunde, mit welchem er die Entlaffung der Israeliten aus Aegypten vom Pharao fordert. — Nach Kanaan brachte das Volk daher als das erste Gebot mit, die heidnischen Lölker aus seinen Grenzen gänzlich zu entfernen, um sich mit ihnen nicht zu vermischen und dem Heidenthume anheimzufallen. Es war dies geradezu eine Bedingung seiner Existenz, welche eben dadurch gefährdet blieb, weil diese Bedingung nicht vollständig erfüllt wurde. So ist es der innere Kampf gegen das immer wieder eindringende Heidenthum, welcher den eigentlichen Inhalt feines ersten, tausendjährigen nationalen Bestandes ausfüllte, und an der Spitze der religiös-nationalen Partei die große Erscheinung des Prophetenthums hervorrief. — Auch in das babylonische Exil begleitete diese Bestimmung das gefangene und verbannte Volk, und selbst als solches verbreitete es Elemente seiner Gotteslehre bis in das Mark der herrschenden Nationen, bis in die Paläste der regierenden Dynasten. — Dem religiösen Rufe, viel weniger dem nationalen, folgte ein Theil der Exulanten in das mit Trümmern bedeckte Vaterland zurück, und die erste Arbeit galt der Aufrichtung des Altars, der Grundsteinlegung des Tempels. Auch jetzt mußte gegen das Eindringen heidnischer und antireligiöser Momente gekämpft werden, aber dieses führte zum entscheidenden Siege der Lehre und des Gesetzes, welche fortan das Volk bis in feine äußersten Glieder und mit seinem ganzen Leben erfüllten. Jetzt aber geschah es auch, daß die stille religiöse Opposition, in welcher sich Israel zu der gesammten übrigen Welt befand, zu einer offenbaren ward, nicht indem es seine religiösen Ueberzeugungen auf andere Nationen übertragen wollte, sondern vielmehr sie gegen die furchtbarsten Angriffe schützen und vertheidigen mußte. In diesem Kampfe um die Erhaltung seiner Religion war es zuerst (gegen die Syrer) siegreich, verlor alsdann seinen Bolksbestand gegen die Römer. Was es aber auch verlor, seine nationale Selbstständigkeit, sein Land, seinen Tempel, seine Concentration, selbst feine Sprache, es nahm in die Zerstreuung über die ganze Erde seine religiöse Ueberzeugung, seine Lehre, sein Gesetz, seine Sitte, und hiermit das Gefühl und Bewußtsein einer Zusammengehörigkeit mit sich, es blieb eine „Gottesgemeinde." — Gerade die Beschränkungen, denen der jüdische Stamm fortan anderthalb Jahrtausende ausgesetzt, die Verfolgungen, denen er unterworfen, die Gegensätze, denen er in den christlichen Kirchen wie im Islam gegenübergestellt war, brachten ihn erst recht dahin, sich in seinen religiösen Zwecken, in seiner religiösen Bedeutung und Bestimmung lebendig zu erhalten. Denn überall war jeder einzelne Jude sofort von allen jenen Lasten und Gefahren befreit, sobald er seine Religion verließ, so daß ganz augenscheinlich nicht dir Nationalität, sondern die Religion als die Ursache jener Ausschließungen und Bedrückungen gelten mußte und im Bewußtsein der jüdischen Masse erhalten wurde. Wie aber diese äußere geschichtliche Stellung und das ganze geschichtliche Gebühren des israelitischen Volkes allein auf dem Boden der Religion erwuchs und in eigenthümlichster Weise sich gestaltete: so auch sein geistiges Leben. Was uns an Erzeugnissen des jüdischen Geistes von der ältesten zur neueren Zeit übrig geblieben, ist durchaus religiöser Natur und trägt den religiösen Charakter in eminentester Weise. Nur spat stellten sich auch anderweitige wiffenschastliche Bestrebungen bei den Juden ein, und von der großen Mehrzahl der Männer, die auf diesen anderen Gebieten Gwas leisteten,