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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-22 · Heft 47 (22.11.1870) · p. Seite 923

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 47 (22.11.1870)
Date
1870-11-22
Page
Seite 923 (sequence 15)
Language
German
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923 die bunten Teppiche und Fahnen, wie bei den übrigen. Aber kein Fenster war geöffnet, und kein neugieriger Haufe füllte die Thür und die Fenster; die Lorhänge an letzteren waren heruntergelaizen. Dies fiel 4!iemandern auf, denn man wußte ja, daß Juden darin wohnten; man hatte es ihnen vielleicht übel genommen, wenn sie an einer Freude Theil nehmen wollten, auf welche sie keinen Anspruch hatten. Der junge Priester schritt ernst und langsam, mit gesenktem Haupte dahin. Aber als er vor einem gewisten Fenster des Ursi'schen Hauses vorüberkam, erhob er den Kopf und aus seinen weit geöffneten Augen schoß ein Blitzstrahl des Haffes und des Ingrimms durch die Scheiben und Vorhänge: er wußte, hinter diesen stände eine Mädchengestalt, die durch irgend eine Spalte auf die Menge, auf den Zug, auf ihn selbst hinausluge.. . Dann erhob er sich im Weilergehen zur ganzen Höhe seiner Gestalt und trug den Kopf stolz in den Nacken geworfen, als ob er Denen, die aus jenem Hause heimlich hinter ihm herschaueten, sagen wollte: ich Haffe, aber verachte Euch! . . . Der Großvater hatte Recht gehabt. Niemand wußte und erfuhr Etwas von dem, was der fromme und gelehrte Priester Paolo am Abend vor feiner Weihe gethan und gewollt. Kurze Zeit darauf wurde er von seinen Oberen nach einem Städtchen in einer wett entlegenen Provinz als Kaplan versetzt, wozu den Lamberti's Jedermann Glück wünschte, und die llrsi's sich selbst. In damaliger Zeit bedeutete eine solche Entfernung mehr als jetzt der Ocean, der zwischen zwei Welttheilen rollt. Man sah und hörte nichts von einander, und ein Jesuitenpriester war seiner Familie alsbald so entfremdet, daß von Besuchen niemals, von Briefwechsel gar wenig die Rede war. So vergaffen auch die Ursi's des Vorfalls, und meine Mutter war bald wieder zu der jugendlichen Heiterkeit zurückgelangt, die ihre Schönheit erst recht verschönte und sie zum Glückskind des ganzen Hauses machte. Nicht lange, und mein Vater kam in das Haus meiner Großeltern. Mein Vater'. Freund, ich habe ihn nie gekannt, ich habe seine Züge nie geschaut . .. wer das nicht selbst erfahren, weiß nicht, was es zu bedeuten, und welch' einen Schatten es über das ganze Leben des Kindes breitet. Alle haben ihn gerühmt, Alle, die über ihn sprachen — aber meine Mutier that dies nie, denn wenn sie von ihm sprechen wollte, strömten ihre Thranen so reichlich, und ihre Stimme versagte ihr in dem Schluchzen und Seufzen ihrer Brust, daß sie nicht zu sprechen vermochte.— Alle priesen ihn, nicht blos seines gerechten und liebevollen Charakters, feiner reinen und milden Sitten wegen, sondern weil er auch ein sehr gelehrter Mann gewesen, fast einem Rabbi gleich, der in Bibel und Talmud wie in seinem väterlichen Hause betraut gewesen, und, was noch seltener, doch ein tüchtiger Geschäftsmann, ein feiner Kopf in Handel und Wandel war. Man fügte immer hinzu: Schade, daß er in Tibur lebte, der hätte muffen in Rom sein, was wäre da aus ihm geworden! Aber daß er in Tibur geblieben, daran war meine Mutter schuld, und er hat dies immer für das größte Glück seines Lebens gehalten und oem Gott seiner Väter dafür täglich gedankt. Denn als er eines kleinen Geschäftes wegen bei Vater Ursi eingekehrt und deffen Tochter Lelia erblickt hatte, wußte er, daß er den Ort auf dieser Erde erreicht, von welchem er sich nicht wieder trennen solle. Wie es bei uns gewöhnlich, trat mein Vater, der auch nicht ohne einiges Vermögen war, in das Geschäft des Großvaters ein, das er zu einem beträchtlichen Fruchthandel erweiterte. Mein Großvater, der die Freude, einen eigenen Sohn zu besitzen, niemals gekannt, war überselig. Er hatte Gelehrsamkeit und irdische Habe zugleich in seinem Hause; es wurde in diesem „Thorah" und gewinnreiches Geschäft zugleich getrieben. Was blieb da zu wünschen übrig? Ein Enkel, und der kam auch. Hiermit war für das Haus der Ursi zu Tibur die Höhe des Glückes erreicht. Aber von da aus ging es auch abwärts und schnell. Kaum hatte ich gelernt, zur außerordentlichen Bewunderung der um mich versammelten Lieben, die Füßchen fest auf den Boden zu stemmen und einige Schritte zu gehen, auch Papa und Mama zu stammeln und die Großeltern zu erkennen, wenn sie mir ein Zuckerbrödchen oder dergleichen brachten — als eine verderbliche Seuche über das Land schrittt, in das Häuschen der Ursi eintrat und rasch nach einander Großeltern und Vater zum Opfer forderte. Ich habe natürlich keine Erinnerung an diese Zeit der Trauer und der Verzweiflung für meine Mutter. Doch sie erhielt sich, erhielt sich für mich. Einst befand ich mich auf einem Schiffe, das in offener See auf der Höhe von Ajaccio lag. Mit dem Abende kam ein gewaltiger Sturm, der die See in eine wilde Fluch verwandelte. Der Orkan raste um die entsegelten Maste, daß sie krachten und sich beugten, daß wir jeden Augenblick erwarteten, sie würden brechen und über Bord fallen. Die Wogen stürmten auf das Schiff und wirbelten es um den großen Anker herum. . . Bis zum Tode geängstigt, sahen wir dem Momente entgegen, in welchem das Ankertau reißen, und das Schiff unrettbar verloren sein würde, die zwei kleinen Anker waren längst dahin. Aber das Tau hielt fest, und der Anker wich nicht aus dem Boden des Meeres, darein er sich eingesenkt. Wir erlebten den Morgen, wo wir sicher auf der noch sehr bewegten See dahinfuhren. Das war meine Mutter, die in der Liebe zu ihrem Kinde den sicheren Anker des Lebens fand, der sie in der Sturmnacht ihres Daseins sicher hielt, bis die Grauen vorüber gegangen. So habe ich meine Mutter nur als eine in stille Wehmuth versenkte Gestalt gekannt, der die Mutterliebe immer wieder das anmuthigste Lächeln auf ihr blasses Antlitz zauberte. Die Jahre vergingen. Ich Lin jetzt zu der Zeit gelangt, von der ich Ihnen, bester Freund, zuerst sprach, da ich als ein spielender, träumerischer

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