Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1870)
- Date
- 1870-11-22
- Page
- Seite 922 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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922 heit des Lebens und des Eigenthums, daß der Geist wieder entfalte seine Schwingen, und seine Schöpfungen von Neuem anhebe — das bete ich und nur dieses allein, und dies wirst Du erhören und es herbeiführen — darum erbarme Dich unser, Vater der Barmherzigkeit! Amen. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. «Fortsetzung.» Eben hatte sich Lelia in ihre Kammer zurückgezogen und war im Begriff, bei der spärlichen Kerze vor ihrem gar kleinen Wandspiegel den vergoldeten Kamm aus dem Haare zu ziehen, um die Fülle der herabwallenden Locken für die Nacht zu ordnen, als sie einen leisen Schritt sich der Thüre nähern hörte und diese ungestüm geöffnet ward. Herein stürzte — und sie erbleichte vor Entsetzen — Paolo mit allen Anzeichen der höchsten Leidenschaft. Sein Gesicht war so bleich, feine Züge verzerrt, seine Lippen zitterten, seine Augen funkelten in heimlicher Gluth, seine Haare hingen verworren um die blaffe Stirn. Er eilte auf Lelia zu, die sich schnell hinter den Tisch und den Stuhl flüchtete, die einzigen Gerüche ihrer Kammer außer ihrer Schlafstätte. „Leliarief er mit gedampfter, aber leidenschaftlicher Stimme, „ich komme. Dich zu erinnern an die Freundschaft, an die Zuneigung, die uns als Kinder vereinigte; sie ist niemals aus meinem Herzen geschwunden, sie war der einzige Stern an dem düsteren Himmel meiner Jugend; sie hat mich nicht verlaffen und tröstete mich mitten in den ernsten Studien und den langen Kasteiungen, denen ich mich unterziehen mußte — Lelia, auch in Dir kann sie nicht erloschen, auch in Deinem Herzen muß ein Funke jener reinen, heiligen Flamme aus der Kinderzeit zurückgeblieben fein — Lelia, ich liebe Dich und Du mußt mein werden!" Während dieses Ausbruches einer wilden, lange unterdrückten Leidenschaft hatte sich das Mädchen gefaßt, und mit strenger Stimme unterbrach sie ihn und rief ihm zu: „Was will der Priester in der Kammer der Jüdin? Vergißt Du Deine Pflicht, der Du angehörst, so sehr? Verlaß diesen Raum, und laß es vergeffen sein, was Du gewagt..." Paolo horte kaum auf diese Worte, er näherte sich dem Mädchen noch mehr und ergriff ihre Hand, die sie ihm trotz allen Sträubens nicht entziehen konnte. „Lelia", rief er lauter wie zuvor und seiner selbst vergeffen, „ich will kein Priester fein, ich verwünsche das Priesteramt, ich will der Welt angehören und die Welt gehöre mir.. . Lelia, ich habe Alles vorbereitet, seit Jahren habe ich mir Geld und Kostbarkeiten gesammelt, ich habe einen großen Bvrrath, komm', entfliehe mit mir in dieser Stunde, vor dem Thore harret unser ein Wagen, wir eilen nach dem Lande der Tedeschi, dort führe ich Dich zu einer anmuthig gelegenen Hütte, darin wollen wir leben voll Liebe und Seligkeit, ich arbeite für Dich, Du sollst es wie eine Königin haben. Alles, was Dein Herz begehrt, soll Dir werden. .." Lelia gelang es, ihre Hand zu befreien, und sie trat noch einmal auf die andere Seite des Tisches; da richtete sie sich voll Hoheit und Würde auf und sprach mit einer Entschiedenheit, die dem aufgeregten Jüngling keinen Zweifel lasten konnte. „Ich bin eine Jüdin, und die Tochter meines Hauses geht mit keinem entlaufenen Priester davon; und wenn Du dies auch niemals geworden, ich wäre Dir nicht näher getreten; zwischen mir und Dir liegt eine trennende Welt, und ich empfinde Nichts für Dich, was der Liebe gleicht. Ich fordere Dich noch einmal auf, meine Kammer sofort zu verlaffen, oder ich rufe um Hülfe, und die ganze Stadt kennt morgen Deine Schande!" . . . Wahrscheinlich hätte selbst dieser zornig ausgesprochene Befehl bei dem von Leidenschaft beherrschten Manne nichts gewirkt — aber der Wortwechsel mußte die Aufmerksamkeit in dem nach hinten gelegenen Zimmer erregt haben, eine Thür öffnete sich, Schritte wurden auf der Flur vernehmbar; Jesuitenzöglinge haben leises Gehör, Paolo ballte die Fäuste gegen das Mädchen, aus seiner keuchenden Brust brachen die Worte hervor: „Ich werde mich rächen. Du sollst es bereuen!" und stürzte zur Thüre hinaus, vorüber vor meinem erschrockenen Großvater, der jetzt in die Kammer trat. Lelia warf sich in seine Arme, Thränen entquollen ihren Augen, sie schluchzte, bis ihr Vater sie beschwichtigte und, selbst voll Unruhe, sie bat, ihm zu sagen, was vorgefallen. Das Mädchen faßte sich und erzählte getreulich, was ihr begegnet. Der Vater schüttelte das Haupt; er schien nicht ohne Besorgniß zu sein, aber er sprach: „Nun, nun, Lelia, beruhige Dich, das hat nichts zu sagen, es ist das letzte Aufflammen der Lebenslust in dem Herzen des Priesters, der ihr entsagen muß. Der junge Mensch wird es vergeffen und sich bald desien nur schämen. Wir aber müssen über diesen Vorfall schweigen, denn man würde ihn bald zu unserem Nachtheil wenden. Ich werde die Thüren verschließen zur Fürsorge, die eigentlich unnöthig ist, was ich in dieser friedlichen stillen Stadt noch niemals gethan. Lisch das Licht, bete Dein Nachtgebet, und Du wirst ruhig schlafen; morgen sieht die Welt anders aus, und das Nachtgespenst ist verschwun- Der Morgen kam. Die Glocken begannen zu läuten; eine ungeheure Menschenmenge sammelte sich vor dem Hause der Lamberti; zur bestimmten Zeit erschienen die Würdenträger, die geistlichen wie die weltlichen, der Zug ordnete sich, ein Musikchor voran, das geistliche Weisen spielte. Endlich trat der junge Priester über die Schwelle seines elterlichen Hauses und ein donnerndes Evviva empfing ihn von der jubelnden Volksmenge. An dem Hause der Ursi hingen die Blumengnirlanden und