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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-22 · Heft 47 (22.11.1870) · p. Seite 924

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 47 (22.11.1870)
Date
1870-11-22
Page
Seite 924 (sequence 16)
Language
German
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924 Knabe an dem Fall des Teverone stand und an dem Ufer des Solfatara wandelte. Einst befand ich mich an letzterem Orte, ich mochte acht Jahre zählen, und blickte auf die über Tibur untergehende Sonne mit dem Rücken nach dem See gekehrt. Da stand plötzlich, wahrscheinlich aus einem Gebüsche links am Wege getreten, eine lange hagere Gestalt in der Priesterkleidung vor mir, und als er mich aufmerksam betrachtet hatte, fragte er mich nach meinem Namen. Die heisere und doch scharfe Stimme machte einen unangenehmen Eindruck auf das Kind, aber es gehorchte und nannte seinen Namen. Da fuhr ein grimmiger Blick aus den tiefliegenden grauen Augen des Priesters auf mich, und er murmelte: „Ich habe mich nicht geirrt, er sieht jener Schlange so ähnlich". Bor diesem Blick entsetzte sich das Kind und fuhr einige Schritte zurück. Da fiel es in eine Kothlache. Der Priester aber hob es am Arme heraus und sagte: „Warte, ich will Dich von all' Deinem Schmuze reinigen". Und er führte das Kind die wenigen Schritte zum Rande des Sees, schöpfte mit der hohlen Hand ein wenig Wasser, goß es aus den Kopf des Kindes und murmelte unverständliche Worte dazu. Dann ließ er deffen 'Arm fahren und indem er sagte: „Nun hast du genug, ich werde dich schon Wiedersehen" — wandte sich der Priester und war bald verschwunden. Mit Schmuz bedeckt, lief ich weinend nach der Stadt zur Mutter, und erzählte ihr, was mir begegnet, wie ich vor dem Priester erschrocken, in die Pfütze gefallen, er nnch herausgehoben und hätte reinigen wollen, aber es doch Unterlasten. Die Mutter lachte mich aus, daß ich so ein furchtsames Knäbchen wäre, ich hätte doch wohl schon genug Priester gesehen, und keiner hat dir was zu Leide gethan. Sie hatte nichts Arges daraus, sie hatte den furchtbaren Blick des Priesters nicht gesehen, und auch was er am Rande des Sees gethan, nicht erfahren, denn daraus hatte i ch wieder kein Arges und es zu erzählen vergesien. Der Priester war Paolo, der nach langer Abwesenheit wieder nach Tibur gekommen, um in seiner Vaterstadt eine Pfarrstelle zu bekleiden. Meine Mutter sollte Vesten bald inne werden. iForrütznnz fotzte- Notizen. Jüngst durchblätterte ick hier, schreibt uns ein Freund aus Rheims, eine Geschichte der Champagne. Da fand ich, daß dieses Land von Casars Zeit an bis auf den heutigen Tag durch fortwährende Kriege heimgesucht und verwüstet wurde, so daß es nur zweimal eines fünfzigjährigen Friedens im Laufe dieser Jahrtausende genoß. Nichtsdestoweniger ist auch hier die Entwickelung sowohl der Natur als der Menscken eine fortschreitende gewesen. Welche Intensität muß das Göttliche in Beiden haben, wenn so viel Bestialität dasselbe nicht hat überwinden können'. Curiosum. Die Czechen haben jetzt die Manie, alle mehr oder weniger bedeutende Männer ihrer Nationalität zuzuschreiben. So thaten sie auch jüngst mit dem bekannten Schauspieldirektor Anton Ascher in Wien. Dieser antwortete darauf in folgendem Briefe an die Vorstadts- Zeitung : Geehrter Herr! Die von Ihrem Blatte gebrachte Mittheilung, daß mich czechische Blätter als einen Angehörigen der durch gewiffe Vorzüge der Schadelbildung so ausgezeichneten Nation an der Moldau reclamiren, hat mich mit Stolz und Freude erfüllt. Leider bin ich nicht in der Lage, mir den nationalen Festschmaus zu verdienen, den die Czechen mir, dem wiedergefundenen Sohne, wenn er reuig zurückkehrt, vorbereiten. Ich liebe den Powidl, ich gestehe es, leidenschaftlich. Doch triumphiren Sie nicht zu früh! Diese Vorliebe, die mich der Auszeichnung, der glorreichen Nation angehören zu können, würdig machte, wird leider durch ein lebendes Dementi in meinem Antlitze in langen Schatten gestellt. Fühlen Sie mein Unglück mit! Die Bildung meiner Nase widerspricht geradezu jener offenen, dem Himmel zustrebenden, in ihrer Länge aber so niedlich begrenzten Form, die einzig und allein der Beweis wäre, daß mein Vater ein Czeche gewesen. So aber nöthigt mich schon die hebräisch-griechische Bildung meiner Nase, dem Zeug» niß meines Rabbiners die Ehre zu geben und einzugestehen, daß ich leider nicht in Jungbunzlau den blutigconfessionellen Eintritt in meine Glaubensgenoffenschaft gefeiert habe. Dies vorausgesetzt, werden Sie mir glauben, daß ich nicht sowohl Kaschparzik als wirklich Ascher heiße und daß ich in meiner Jugend wohl Manches und Manchen gegärbt habe, daß ich meines Zeichens aber niemals Lohgerber gewesen bin. Wenn mich bei diesem nothgedrungenen Geständniß etwas mit besonderer Trauer erfüllt, so ist es die Thatsache, den Platz zu einein Denkmale in Jungbunzlau für immer verscherzt zu haben. Genehmigen Sie die Versicherung, daß ich es den Herren Czechen überlaste, einen anderen meiner Wiener Collegen in Jungbunzlau aushauen zu lasten. Womit sich als deustcher Bruder zeichnet ergebenst Anton Ascher." Verlag von Baumgartners Buchbandlung in Leipzig. — Druck von I. D. Hir'ck^eld. Verantwortlicher Redakteur CT«*. *5tzvtzr

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