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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-22 · Heft 47 (22.11.1870) · p. Seite 921

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 47 (22.11.1870)
Date
1870-11-22
Page
Seite 921 (sequence 13)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. Femlleton-Geilage zu llr. 47. Leipzig, den 22. November 1870. Gebete während des Krieges. XVIII. Barer, erbarme Dich unser! — Aber wie sollst Du Dich unser erbarmen, da wir uns einander nicht erbarmen und unser selbst uns nicht erbarmen? Gegen uns selbst wüthen wir, um gegen Andere wüthen zu können — wir geben in den Tod, um Andere zu tödten — wir legen uns die härtesten Entbehrungen, die erdrückendsten Beschwerden auf, um Andere in die verzehrendsten Nöthe, in Elend und Jammer zu stürzen — wir geben uns Seuchen und Krankheiten aller Art Preis, um sie und ihre länderverheerenden Wirkungen über Andere zu bringen — — und dann gehen wir hin, und werfen uns nieder vor Dir, und stehen: Erbarme Dich unser, Vaterhilf uns aus Liesen furchtbaren Nöthen, hilf den Kranken, heile die Wunden, denen, die deines Beistandes bedürfen, gewähre ihn! Wie soll das geschehen können? Wen Du durch Deine Fügung aus der Gefahr gerettet, begiebt er sich nicht sofort wieder hinein? Wen Du geheilt, stürzt er nicht alsbald zu neuem Kampf herbei? Du läßt wachsen Frucht und Korn in Fülle — wenn aber die Menschen sie vernichten, sie einander rauben, sie einander zurückbehalten, wie sollst Du die Berhungerndev sättigen? und wenn ihnen zugerufen wird: schließet Frieden, und sie wollen nicht, kannst Du ihnen Nahrung geben, und ihre Kinder nicht zu Waisen, ihre Frauen nicht zu Wittwen werden laffen? .. . O des Unverstandes der Menschen — und wenn Ihr nur Worte habet, nicht Thaten, was sollen Eure Worte vor dem Herrn?! Alles, was Du, Schöpfer, in die Natur des Wrenschen gelegt, sie sprechen ihm Hohn — und was Du ihnen geboten, Gott der Wahrheit und des Rechts, sie handeln dawider, sie treten es mit Füßen. Arbeiten soll er und besten Frucht genießen — aber sie zerstören in Stunden, was Jahre aufgebaut — austauschen soll er untereinander, was der Eine zu viel hat und der Andere bedarf gegen Anderes, was dieser besitzt — und sie vernichten Einer, was dem Andern gehört, mit Feuer und Schwert — zur Freiheit hast Du den Menschen geschaffen, in seinem Bewußtsein, in seinem Wollen, in seinem Thun frei — aber sie legen sich in Kerker und Feffeln, sie fangen einander und halten sich gefangen — frei sollten sie sein, nur von Recht und Liebe beschränkt — aber gerade im Unrecht und im Haste geben sie sich völlig frei, und das Recht und die Liebe werden zu eitelen Nebelgestalten! Ja, liebet einander — wie sie sich Haffen! Helfet einander — wie sie sich den Untergang bereiten! Du sollst nicht tödten — und Hunderttausende fallen durch Schwert und Geschoß! Heilig ist das Eigentbum — es wird genommen und von dannen geschleppt! Heilig die Wahrheit — und wie wird gelogen und berückt und gefälscht und betrogen! Alle Menschen sollen einen Bund schließen. Deinen Willen zu thun, der Du sie Alle als Deine Kinder, als Brüder unter einander geschaffen — und wenn sie einen Bund schließen, ist es, um sich gegen Andere zu verbinden, und Deinen Willen zu vereiteln und ihm zuwiderzuhandeln! . . . Und dann, wenn all' Solches geschehen, treten sie vor Deinen Thron, Du Urquell der Liebe, und beten um Rettung, um Schutz, um Segen von Deiner Hand — welch' Unververstand, welche Entweihung!- Ja, Herr, ich erzittre, wenn ich zu beten beginnen will; mir schlägt das Herz voll Bangens, so ich mich anschicke zum Worte des Gebetes .... bin ich gerecht genug dazu? Komm' ich mit reiner Hand, mit reiner Lippe, so weit dies Sterblichen vergönnt ist? Hab' icb Anspruch auf Dein Erbarmen, um das zu beten, um was ich stehe? Oder ist mein Wort Unverstand und Widerspruch, und ich lästere damit Dir in's Angesicht? . . . Nein, nein! ich weiß es, ich komme, um Frieden zu beten, Frieden für uns und unsere Feinde — und wer um Frieden betet, betet recht und wohlgefällig vor Dir. Wenn ich um Sieg gefleht, so war es, nicht um des Sieges, um des Triumphes über Menschenbrüder willen, nicht um zu gewinnen, was ihnen gehört, nicht um ihre Schmach und ihren Untergang — sondern allein, weil durch den Sieg nur die arme Menschenwelt zum Frieden kommen kann! Ich bete, daß Recht wieder werde Recht, daß der Lug verschwinde wie Rauch, Haß wie finstre Sturmwolke, daß die Völker sich die Hände wieder reichen, und die Arbeit Frucht trage, und die Frucht genosten werde, daß Freiheit wieder komme und Sicher-

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