Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1870)
- Date
- 1870-11-22
- Page
- Seite 917 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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917 Nutzen ziehen, von manchen diese weit mehr als jene. Aber noch eine Bemerkung gestatten Sie mir hinzuzufügen. Es war eine Zeit, und sie ist noch nicht lange vorüber, wo den jüdischen Finanziers und Reichen jeder Sinn für ihre Glaubensgenossenschaft so abhanden gekommen war, daß sie am wenigsten daran dachten, irgend etwas Erhebliches für diese zu thun. Damals waren diese Reichen den Juden mehr zur Last als zum Bortheil. Denn während sie uns vielfachen Neid zuzogen und den Glauben veranlagten, als ob wir Juden Wunder welche Schätze besäßen, hatten sie von ihrem Reichthum nichts für uns übrig, und zwar gerade zu einer Zeit, wo wir der Unterstützung am bedürftigsten waren, weil die ererbten Institute veraltet waren und es nothwendig gemacht hatten, durch andere und neue ersetzt zu werden. Dies ist anders geworden, und die Reichen unter den Juden von Wien, Berlin, Frankfurt, Paris, London und anderen Städten beweisen, daß außer ihrer Bethätigung für alle Aufgaben der allgemeinen Wohlthätigkeit ihnen auch das Herz für ihre Glaubensgenossenschaft und deren Bedürfnisse nicht fehlt. Fragen wir nach den Ursachen dieses erfreulichen Aufschwungs des Gemeinsinns, so mochten wir sie in zwei Momenten finden, in der erlangten ehrenvollen Stellung der Juden in Staat und Gesellschaft, so daß sich jene Herren durchaus nicht mehr schämen, dieser Religionspartei anzu gehören, und sie vor der allgemeinen Welt eine Ehre auch in ihren Leistungen für das Judcnthum finden; dann aber auch nicht minder in dem Aufschwung und der Klärung des inneren Geistes des Judenthums und der durch diese geschaffenen würdigen Erscheinung des Judenthums als Cultus. Das Letztere erweist sich dadurch, daß die große Mehrheit solcher wohlthätigen Spenden an denjenigen Orten geschieht, wo sich dieser neuere Geist des Judenthums Raum geschaffen hat; während man z. B. von Amsterdam nur wenig Derartiges vernimmt. —. Die vorjährige Kaiserreise im Orient gibt einem in Jerusalem erscheinenden, neu begründeten Blatte Anlaß, in seiner zweiten Nummer die Einzel - Hellen und wohlthätigen Wirkungen des kaiserlichen Besuches der jüdischen Bevölkerung Palästinas ins Gedächtniß zurückzurusen. Dem in orientalischem Stlle geschriebenen Artikel entnimmt die „Wiener Abendpost" die folgenden charakteristischen Stellen: „ . . . Heil uns, daß Gott seine Gnade in unseren Tagen dem heiligen Lande zugewendet und allmälig die Hülle der Verwesung von ihm abgestreift hat. ... So ward uns am 5. des Monats Kislew (9. November 1869, das Glück zu Theil, daß das Land von der Herrlichkeit und Majestät des mächtigen und gnadenvollen Kaisers von Oesterreich (sein Ruhm werde erhöht! erhellt ward." Der Artikel erwähnt nun des kaiserlichen Gefolges und bezeichnet die Grafen Beust und Andrassy als „Fürsten des Rathes", worauf es weiter heißt: „Das Ereigniß sei uns ein Zeichen des Glückes und Heil verheißend für die späteren Tage.... Und unseren Nachkommen sei es überliefert zu ihrem Tröste und ihrer Erhebung, daß an diesem Tage die Zuversicht unser Her; erfüllte, daß über unsere Kinder der Schutz und die Gnade dieses erhabenen Kaisers walten werden. Gottes Segen über den Kaiser, der herablassend sein Herz dem Volke zugewendet, das mit Gott treu zu seinem Fürsten hält." In einer Note zählt der Artikel die von Sr. Majestät besuchten jüdischen rituellen und humanitären Anstalten Jerusalems aus und erwähnt unter Anderem der Synagoge „Tiferel Jisrael“ (Pracht Israels), der Se. Majestät eine Spende im Betrage von 1000 Francs zugewendet. —. Die „N. Fr. Pr." erhält folgende Zuschrift: Herr Redacteur! Anläßlich einer von mir gegen einen Eisenbahnbeamten eingebrachten Jnjurienklage hat das Bezirksgericht in Busk entschieden, das „Du gemeiner Jud'!" keine Beleidigung sei, und bin ich noch obendrein mit Urtheil vom 17. October, Z. 3743, in die Kosten veructheilt worden. Das ist polnische Justiz. Brody, 10. November 1870. A. P. Frankreich. Auö Frankreich, 13. Nov. (Privatmitch.) Die Mitthcilung, daß Eremieux nach Algerien als Regie - rungsdelegirter gehen werde, war irrig: derselbe weilt noch in Tours, und wirkt als Justizminister so weit dies in solch' unseliger Zeit möglich ist. Darüber sind alle Journale einig, daß er das besonnenste und mäßigste Mitglied dieser für Frankreich so verderblichen Regierung der nationalen Bertheidigung, daß er aber auch darum durch Gambetta lahm gelegt worden ist. 47