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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-22 · Heft 47 (22.11.1870) · p. Seite 914

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 47 (22.11.1870)
Date
1870-11-22
Page
Seite 914 (sequence 6)
Language
German
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914 Bvlksstämme werden immer geneigt sein, dem berechtigten Bedürfmß des einzelnen Stammes Rechnung zu tragen, und zwar um ihrer selbst, um der Interessen ihres Stammes willen. Dies vorausgesetzt, wird jedoch der Dereinigungstrieb immer mehr feine Arbeit fortführen, um da, wo die Interessen zuletzt doch nur auf Eines hinauslaufen, auch ein Einiges für Alle zu Stande zu bringen. Die Vertretung des Reiches, sowohl was die Centralgewalt, den Bundesrath, als auch den Reichstag betrifft, in welchen Formen diese jetzt auch austreten mögen, werden unwillkürlich dahin gedrängt werden, das Partielle zu absorbiren und in sich aufgehen zu machen, ohne, wie gesagt, dessen Interesse damit aus der Welt zu schaffen. In diesem, sich aus der Sachlage selbst ergebenden Streben, werden Centralgewalt und Volksvertretung sich gegenseitig Stärkung zuzuführeu suchen.'; es wird kein Kamps zwffchen diesen beiden Instanzen, sich einander zu schwachen, dauernd stattfinden, well^ sie erkennen müssen, daß für eine lange Zeit ihre Existenz nur durch die vereinigte Macht Beider gesichert werden kann. Wir sind daher überzeugt, daß der bevorstehende Friede uns zu einer umfassenden und dauernden nationalen Arbeit, nicht aber zu tiefgreifendem Hader und Streite aufrufen wird. Wenn wir aber von den Aussichten, die der Friede uns eröffnet, sprechen: so können wir uns nicht auf Deutschland beschranken. Zunächst steht uns die Sorge um die Zukunft Frankreichs vor den Augen. Wir wollen uns hier nicht den Gefühlen schmerzlicher Trauer über den tiefen Verfall eines in der Waageschaale -der Menschheit und der Civilisation so schwer wiegenden Volkes überlassen. Wer aber vermag über die Gestalt veffen, was sich aus den ungeheuerlichen Wirrsalen in Frankreich herausheben werde, irgend etwas Sicheres auszusagen? Da die französische Station jeden inneren Halt verloren hat, wo soll man da einen Anhalt finden, um eine stichhaltige Folgerung daran zu knüpfen? Was das Unglück Frankreichs ausmacht, ist, daß es seit fast einem Jahrhundert so überaus viel experimentirt hat, daß jedes Experiment gescheitert ist und einen Bruchcheil des Volkes als seinen Niederschlag zurückließ. In vielfache, sich auf den Tod bekämpfende Parteien gespaltet, hat es das Mißgeschick, daß jede derselben bereits veraltet und abgenutzt ist, und hiernach unfähig, die Erbschaft zu übernehmen. Was, fragen wir, soll es mit den Legitimisten und Orleanisten, mit der blauen oder rothen Republik oder gar mit den Bonapartisten beginnen? Alle diese Parteien haben ihre Unfähigkeit erwiesen — und warum? Weil keine derselben so in der Natur und dem Wesen der Nation wurzelt, daß sie für diese eine Nothwendigkeit ist und darum die Mehrheit dauernd beherrscht, weil deshalb, wenn eine aus zeitlichen Umständen heraus die Gewalt erhalt oder an sich reißt, die anderen sich schnell zu ihrer Bekämpfung vereinigen, sie dadurch zu Gewaltthatigkeiten reizen oder zwingen und hiermit den Sturz derselben herbeisühren. Daß dies der Fall ist, kann schließlich doch nur daraus hervorgegangen fein, daß es der französischen Station an wahrem Natioualgefühl und Nativnalbewußtseiu fehlt. So paradox dies scheint, ist es dennoch wahr. Wo ein wuhrer Bolksgeist vorhanden, wo das Bewußtsein in der nationalen Einheit und Gesammtheit wirklich vorhanden, da wird sich die Partei und der Parteigeist stets dem Begriff und dem Wohle der Gesammtheit unterordnen, das Ziel, der Gesammtheit zu dienen und deren Größe und Heil zu fördern und zu erreichen, wird dem Parteigeiste nie entschwinden und seine eigenen besonderen Zwecke ihn zurückstellen lassen, wo die Existenz und das Wohl des Ganzen in Gefahr steht. Aber von 1790 an gewahrt man hiervon nichts bei den Franzosen. Wie die Legitimisten nicht anstanden, die Heere der Verbündeten in Frankreich hineinzuführen, ja hineinzudrängen, und gleichzeitig in der Bendcke und Bretagne die Fackel des Bürgerkrieges zu entzünden, wie damals eine Partei von der anderen gestürzt und sofort möglichst vernichtet wurde, so noch heute. Im umlagerten Paris bekämpfen die rothen Republikaner die blauen, die großen Städte zeigen dasselbe Schauspiel und ordnen sich der provisorischen Regierung nicht unter, und diese weist die Hülfe der Bend^e ab, weil sie deren Bourbonismus. sowie im Norden den Orleanismus fürchtet. Es zeigt sich hierbei, da^ der gerühmte die Kräfte eines Volkes einigende centralisirende Absolutismus illusorisch ist, daß er vielmehr bei seinem Sturze den Bolksgeist decentralisirt und in Parteien zerbröckelt zurücklaßt; wir sahen dies an Spanien, wir sehen es an Frankreich. Unter solcken unseligen Umstanden kann man nichts als Wünsche aussprecheu. Wir wünschen, daß mit dem gegenwärtigen Unglück ein Läuterungsproceß der franzöfifchen Station verbunden fei, daß, je größer die Verluste, je verworrener die Zustände, je niederdrückender die Lasten für Gegenwart und Zukunst werden, je weniger sich die Elemente bewahren, die bis jetzt obenauf waren und find, je mehr sich daher alle bisherigen Autoritäten abnutzen

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