Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1870)
- Date
- 1870-11-22
- Page
- Seite 913 (sequence 5)
- Language
- German
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913 sichtigen uud durchführen. Wir nehmen vielmehr an, daß aus diesem Kriege das Volk in dem Bewußtsein gestärkt sein wird, wie viel es seiner Militärverfassung zu verdanken habe; aber ebenso die oberste Kriegsleituug, wie viel sie dem Volke schuldig, und daß ihre Kraft in der Zustimmung des Volkes, in der Zdentificirung von Regierung und Volk enthalten sei. Bor den inneren Zuständen, welche in Frankreich herrschen, und die in Oesterreich, Italien und Spanien vorhanden sind, werden wir uns sagen müssen, daß es immer doch ein Glück für ein Volk ist, wenn die höchste Regierungsinstanz sich einer gewissen Autorität, d. h. des Vertrauens seitens des Volkes erfreut, und daß diese Autorität aus dem gegenwärtigen Kriege gestärkt hervorgeht, kann Niemand verkennen, aber auch nicht, daß deren Tendenz dem Volke genehm und werth zu sein gewachsen ist. Aber wir haben für die Zukunft, schon für die nächste, auch noch mit anderen Momenten zu rechnen. Deutschland strebt nack Einheitlichkeit. Die Südstaaten treten entweder in den norddeutschen Bund oder schließen sich chm an. Es ist durchaus keine optimistische Illusion, wenn man hierdurch das constitutionelle Wesen bedeutend verstärkt hält. Nicht sowohl weil die deutschen Südstaaten schon seit länger ein Berfaffungsleben haben, das bedeutende Stöße und Kämpfe überstanden hat, als vielmehr, weil der ganze Zusammenhang, diese ganze Einheitlichkeit auf dem constitutionellen Grunde sich aufbaut und nur auf ihm bestehen bleiben kann. Man erkennt dies sehr leicht aus dem Ursprünge und der Richtung des norddeutschen Bundes. Militärische Ursachen haben ihn geboren, und die ihn ins Leben riefen, waren keine begeisterten Anhänger des Constitutionalismus. Dennoch waren sie genöthigt, den norddeutschen Bund constitutionell aufzubauen und sogar mit Institutionen, die bis dahin für demokratisch gehalten wurden, mit dem allgemeinen Stimmrecht und dem Einkammersystem. Sie waren dazu genöthigt, weil sie dem Particularismus der Fürsten, des Adels und der Bureaukratie gegeuüberstanden, sie sich also auf die Mehrheit des Volkes stützen mußten, welche von der Idee der deutschen Einheit durchdrungen war. Dies Bedürfniß wächst aber offenbar, je größer der Bund wird, je zahlreicher seine Glieder, aus je mehr deutschen Staaten er sich zusammensetzt. Wenn daher auch der Militarismus als ein für Deutschland inmitten der europäischen Staaten noch lauge nicht zu entbehrendes Element in erster Linie bleibeu wird, so muß dieser doch sich für daS Berfaffungsleben mildern und sich mtt diesem stets in der Ausgleichung zu erhalten suchen. Auf Grund dieser Beobachtungen ist es an der Zeit, statt Besorgnisse zu hegen, mit ftischem Muthe und besonnener Entschlossenheit in die Zukunft zu blicken. Was wir bis jetzt errungen haben, wird nicht angelastet werden, und die Aufgabe der Nation ist es daher, an diesem Puncte anknüpfend in kräftiger Weise die Entwickelung weiter zu führen. Hierbei wird sich folgende Richtung voraussehen lassen. Wenn die Idee der nationalen Einhett, aus vereinzelten Keimen entsprossen, die mächtigsten Hindernisse überwunden hat, und zu einem fast ganz Deutschland überschattenden Baume emporwuchs, so darf man nicht glauben, daß ein solcher innerer Bolksdrang sich beftiedigt fühlt, wenn nunmehr nach Außen hin mit Ausnahme der Dentsch-Oesterreicher, alle deutschen Stämme in einen festen Bund eingetreten sind. Vielmehr, wenn er nach Außen seine Grenzen erreicht hat. wendet er sich um desto stärker nach Innen, will die Vereinigung immer fester und nach allen Seiten hin wirksamer haben, so daß nicht blos die äußeren Beziehungen einheitlich sind, sondern auch alle inneren Verhältnisse eine einheitliche Gestaltung aunehmen, mit einem Worte, daß alle Consequenzen dieser Bereinigung auch nach innen gezogen werden. Dies wissen auch dieParticularisten sehr wohl, und darum ihr ewiges Geschwätz von den „berechtigten Eigenthümlichkeiten.^ Allerdings giebt es solche, und wird deren stets geben, weil die uatürlichen und Culturverhältnisse der einzelnen Landschaften eines großen Reiches und eines begabten Volkes verschiedene Bedingungen erfordern, und diese das volle Recht besitzen, daß ihnen genügt werde. Nicht also im mittelalterlich historischen Wüste, sondern in den Forderungen des Lebens, in den, allerdings geschichtlich anerwachsenen Bedürfnissen der Gegenwart wurzeln berechtigte Eigenthumlichkeiten, und es kommt nicht selten vor, daß diese viel eher aus den Mitteln der Gesammtheit als aus gesonderter Existenz, aus abschließender Umgrenzung befriedigt werden können. Es ist daher eine eitle Furcht vor der Einheit Deutschlands, daß sie durch Nivellirung der Mannigfaltigkeit des deutschen Bolksgeistes und Der Energie der provinziellen Entwickelung Schaden bringen werde; vielmehr liegt in der Bereinigung aller deutschen Schattirungen die Bürgschaft, daß dem Geiste und den Bedürfnissen der einzelnen Glieder a»S der Macht und dem Auffchwung der Gefammtheit großer Nutzen erwachse. Die Vertreter der deutschen