Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1870)
- Date
- 1870-11-22
- Page
- Seite 912 (sequence 4)
- Language
- German
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912 Aber auch an sich hat der gegenwärtige Krieg durch I seine kürzere Dauer keine nachhaltige Abspannung, durch! den Aufschwung, den er dem deutschen Geiste schon mit seinem Beginn brachte, und durch die Schnelligkeit und Größe seiner Erfolge keine Erschlaffung der Kraft zur naturgesetzlichen Folge. Vielmehr ging die Lösung der großen nationalen Aufgabe mit dem Kriege so Hand in Hand und schritt wahrend desselben dem Ziele naher zu, daß, wie wir hoffen, mit dem Frieden zugleich das einheitliche Deutschland fertig ist, die nationale Arbeit erst recht beginnen muß, und von allen Seiten ihren Anstoß hat. Die angeführte Besorgniß scheint uns daher grundlos zu sein. Aber, fürchtet man weiter, durch den Krieg hat der Militarismus neue glänzende Kraft gewonnen, und er, und an seiner Hand die Aristokratie, werden auf dem großen Boden, den sie gewonnen, gegen die Bolksrechte und die Bolksfteiheiten einen mehr oder weniger entschiedenen Kampf führen, der eine lange und schwere Herrschaft derselben ergeben wäre. Man will hierfür schon Anzeichen genug erkannt haben, und deutet auf mancherlei Vorgänge hin. Die Ostentation z. B., mit welcher der Adel auf die allerdings sehr zahlreichen Opfer, die aus seinen Reihen gefallen sind, hinweist, verrath die Ansprüche, die er erheben, und denen wohl auch factisch genügt werden wird. Freilich, die große Menge des Volkes kann ihre ungeheuren Verluste nicht durch kostspielige und mehrmals wiederholte Inserate in den Zeitungen zur Anschauung bringen; sie kann nur auf die riesigen Verlustlisten und auf die zahllosen von der Trauer heimgesuchten Hütten zeigen. Und dann, bei aller Gleichschätzung der Menschen, ist es doch ein Unterschied, ob Jemand den Kriegerstand zu seinem Lebensberufe gewählt, dessen Belohnungen und Ehren Zeit seines Lebens genießt, und nun in diesem Berufe fallt, oder aber vom Katheder oder der Hobelbank, vom Comptoirtisch oder dem Grabscheit abgerufen wird und nach dem Kampfe wieder zurückkehrt, um für sich und die Seinigen des Lebens Nothdurft zu erwerben. 'Run, wir verkennen nicht, daß zu dieser Besorgniß manche Berechtigung vorhanden. Man darf in den Angelegenheiten des Staates die Thatsachen nicht übersehen. Der Militarismus ist bei uns da und kann durch diesen großartigen Krieg nur gewonnen haben; der Einfluß der Aristokratie ist bei uns vorhanden, und wird durch die deutschen Erfolge nicht vermindert worden fein. Sie hat die höchsten und höheren Stellen der Militärwie Civilverwaltung inne, und man braucht nur auf die Besetzung der Aemter in den neuerworbenen Ländern z» ^blicken, um deffen gewiß zu werden. Di« Frage ist daher nicht, ob.Militarismus und Aristokratie nicht vorhanden, sondern ob sie auf die Bolksrechte einen erdrückenden oder nur einengenden Einfluß üben werden? ^.Es ist hier zu erwägen, daß es ein großer Fehler ist, Staaten und Völker nach einem bestimmten Schema zu behandeln, während sie in der Eigenthümlichkeit ihres Wesens einen Hauptfactor für ihre Gestaltung und deren Proceffe besitzen. Der Militarismus ist ein Charakterzug des preußischen Staates, aber er beruht nicht auf einer gesonderten Kriegerkaste, auf einem, aus dem Volke ausgefchiedenen Soldheere, sondern auf dem gesammten Volke selbst. Es ist nicht wie bei älteren Völkern nach und nach aus dem ursprünglich kriegerischen gesammten Volke eine Kriegerkaste hervorgegangen oder an seine Stelle ein Soldheer getreten, sondern aus diesem hat sich, als das Volk auf feine Höhe gelangte, ein Volksheer herausgebildet, deffen Organisation mit der gesammten Organisation des Volkes eng verwachsen ist. Es kann daher das gewöhnliche coustitutionelle Schema auf Preußen nicht angewandt werden, aber ebenso wenig finden bei ihm die Voraussetzungen statt, welche das Wesen des Militarismus ergiebt. Alle constitutionellen Kämpfe, die Preußen bis jetzt durchgemacht, liefen darauf hinaus, den Militarismus mit dem Constitutionalismus zur Ausgleichung zu bringen. Jener ist sich bewußt, daß er dem Volke deffen Recht nicht vorenthalten, nicht völlig absprechen und versagen dürfe; nicht minder ist sich das Volk bewußt, daß sein Bestand noch immer aus dem Militarismus beruhe, und es daher diesem die Mittel und Einwirkung nicht verschließen dürfe. Dies zu einer gesetzmäßigen und dauerhaften Ausgleichung zu bringen, war und ist das Problem des preußischen Berfaffungslebens. Bezeichnend ist es, daß einerseits der Conflict vor 1866 sich lediglich um die Militärreorganisation drehte und doch nicht weiter als zu Wortgefechten führte, und daß andrerseits nach den Siegen von 1866 die Staatsregierung von dem Abgeordnetenhaufe eine Indemnität forderte und erhielt. Wir können daher gewiß sein, daß auf diesem Wege fortgefahren wird, daß nicht zu besorgen ist, der militärische Sieg werde zur Unterdrückung der Verfaffung führen, und — außer vielleicht ausnahmsweisen Gelegenheiten — eine Schmälerung der Bolksrechte beab-