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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-22 · Heft 47 (22.11.1870) · p. Seite 911

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 47 (22.11.1870)
Date
1870-11-22
Page
Seite 911 (sequence 3)
Language
German
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m so wird dies gerade so richtig sein, wie ähnliche Vor- : anssetzungen 1866 hinsichtlich des französischen Kaisers. . Aber man combinirt, daß Frankreich, wenn es sich erst 'von seiner tiefen Niederlage wieder erholt haben werde, sich mit Rußland vereinigen könnte, um Deutschland niederzuwerfen und Rußland die freie Artion gegen Konftantinopel zu geben. Man vergißt aber, daß in einem solchen Falle sofort England und Oesterreich ans der -Seite Deutschlands und der Türkei stehen wurden, und 'daß eine solche Eoalition den beiden von einander getrennt agirenden Alliirten mehr als gewachsen wäre. Deutschland hat keine Verpflichtungen für Rußland, und Preußens Königsfamilie mag noch so eng mit dem rus- 'fischen Zarenhause verbunden sein, die Politik verlangt keine Schwächung Rußlands, wohl aber die Behinderung jedes weiteren Anwachses desselben in Europa. Somit steht fest, daß auch die orientalische Frage den Frieden auf lange hin zu bedrohen aufgehört hat. Rußland hat in feinem Westen Provinzen zu bewahren, die deutschen Ostseelander und die polnischen LLndergebiete. So bald man Grenzprovinzen sich zu erhalden hat, hat die Expansionskraft nach dieser Seite aufsgehört; nach Süden tritt ihm das gefammte europäische 'Interesse als ein Bollwerk entgegen, das zu überschreiten oder nur anzugreifen ihm die Vorsicht der Selbsterhaltung verbietet. Deutschland ninnnt jetzt sein ehemaliges Grenzgebiet von Frankreich zurück, wesentlich tun besten Expansivkraft zu schwachen und es zu nöthigen, fortan das Nationalitatsprincip zu achten. Würde Rußland seinem Ausdehnungstriebe in Europa nicht entsagen wollen, so würde ein Kamps nach gleichem Ziele entstehen müsien, der ihm die deutschen Ostseeprovinzen Und die polnischen Länder kosten könnte. Dies zu wagen ist Rußland zu vorsichtig und hat noch weniger genügend bewährte Kräfte als das bisherige Frankreich. ' 111. Jedoch der Friede, so ersehnt, so unentbehrlich, ist doch der Güter höchstes nicht. Auch er ist nur Mittel zum Zwecke, und ein schlecht angewandter Friede nicht weniger verderblich, als ein Krieg. Die Entwickelung sind Verwirklichung des Rechts und der Freiheit müssen den Inhalt des Friedens ausmachen, und weil eben zu diesen der Krieg im vollen Gegensätze steht und bei längerer Dauer sie ganz erdrückt, ist er dem Gemeinwesen im eminentesten Sinne verderblich. Sprechen wir also hier von den „Aussichten," so drangt sich sofort als zweite Frage auf: werden wir so glücklich sein, einen lang andauernden Frieden zu erlangen, wie wird es in demselben mit dem Recht und der Freiheit stehen? Auch diese wollen wir uns zu beantworten suchen. Unsere Leser wissen, daß wir nicht glauben, der volle Tag sei mit einem Male da, und selbstgereifte Früchte fallen uns in den Schoß. Vielmehr wird uns und unseren Nachkommen auch wahrend des Friedens ein schwerer Kampf bevorstehen, theils um zu bewahren, was erlangt ist, theils um dies fortzuführen, zu ergänzen und zu confolidiren. Man spricht jetzt oft von dem „Kampf um das Dasein." Wir nehmen diesen Ausdruck an, wenn man das menschliche Dasein nicht bloß in der Arbeit um das materielle Leben, sondern in der höchsten Entfaltung aller unserer Geisteskräfte, in der Ausbeutung aller Tiefen des Geistes, in Der Erhöhung unserer sittlichen Eigenschaften, also im Recht und in der Freihei: versteht. Es verlauten nun Besorgnisse genug. Die Einen wenden den Blick rückwärts, und befürchten, daß, wie nach den Freiheitskriegen eine Zeit der ödesten Reaction eingetreten, es auch dies Mal der Fall fein werde, und daß, ebenso wie damals, daS Volk keinen Widerstand entgegensiellen werde, weit eS durch die gewaltige Anspannung aller seiner Kräfte während dieses riesigen Kampfes abgespannt und für eine Zeit lang erschöpft sein werde. Indem diese Ansicht sich so auf ein Naturgesetz stützt, hat sie allerdings Etwas für sich. Es wiederholt sich in der Geschichte nur das, was naturgesetzlich ist, sonst Nichts. Man braucht nicht zu fürchten, daß auf deutscher Seite ebeuso die Vergangenheit carrikirt werde, wie auf französischer; wenn Napoleon III. seinen Oheim, die Männer der provisorischen Regierung theils 1792, theils 1793 nachgeafst, so ist der deutsche Kampf von 1576 eine neue und höhere Stufe, gegen 1813 und 1815 gehalten. Es ging bei uns keine Zeit der Erniedrigung und Knechtung voran; die französischen Heere brauchten nicht erst auf den Eisfeldern Rußlands ihren Kern verloren zu haben; wir bedurften der Mithülfe anderer Staaten garnicht, und es standen auch Anfangs nicht deutsche Krieger den Deutschen gegenüber, wie eS 1813 selbst noch in der Schlacht bei Leipzig der Fall war. In jedem dieser Momente liegt ein so unterscheidendes Merkmal zwischen 1813 und 1870, daß an eine Vergleichung garnicht gedacht werden kann. 47*

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