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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-22 · Heft 47 (22.11.1870) · p. Seite 910

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 47 (22.11.1870)
Date
1870-11-22
Page
Seite 910 (sequence 2)
Language
German
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910 Aber auch dieser erlosch in unserer Zeit, und der größte Theil jener Colonien machte sich ganz oder zumeist unabhan Kg von ^en Muttes stauten. Als ein e Anomalie habeq rbir j etz dahqr;nur anzusehen i daß dieser Ausdehnungstrieb nur noch in der sranzösischen Station vor- ' Händen ist, die immer wieder nach deutschen und italienischen Provinzen die bewaffnete Hand ausstreckte. Hofsen wir, daß sie durch den gegenwärtigen Krieg gründlich davon geheilt werde. ■' Wenn wir bisher von den europäischen Völkern sprachen, so nahmen wir stillschweigend Rußland noch davon aus. Die russische Nation, die jüngste der europäischen, hat diese E;pansionskraft»noch nicht verloren, sie ist in ihr nicht blos dynastisch, sondern noch national vorhanden, und aus dem innersten Geiste des moskowirischen Volkes wird die Regierung des Zaren zu immer weiterer Ausdehnung energisch ausgesvrdert, wenn dieser Herrscher selbst einen Stillstand eintreten läßt. 'Nach Westen hat sich die Expansionskrast der Rüsten durch die Besitznahme der ehemals schwedischen und der deutscken Ostseeländer, Litthauens und Polens, bethätigt, und zwang sie betreffs des Letzteren auch Oesterreich und Preußen, Antheil zu nehmen. Gegen Süden traf sie in Europa auf islamitische Gebiete, die sie bis an das schwarze Meer sich unterwarf. Gegen Westen ist hiermit die Grenze erreicht, welche sie vorläufig nicht überschreiten kann; sie trifft hier auf Staaten, deren Rußland nicht Herr zu. werden vermag und welche, falls es den Versuch dazu machen sollte, den größten Theil Europas hinter sich hätten. Das der Russifizirung so hartnäckig sich widersetzende Polen stellt für Rußland die Schranke selbst auf, und alle Träume der Panslavisien können zwar in den irregeleiteten Czechen, niemals aber in den Polen Galiziens und Posens einen Wiederhall finden. Rach dieser Seite hin muß die Expansionskrast Rußlands als aufgegeben, so Gott will! erloschen angesehen werden. Desto größer ist dieselbe in Asien. Sie gleicht hier dem Stadium der Colonisirung der anderen europäischen Völker. Nach der Ueberwindung der kaukasischen Bergvölker macht sie in Jnnerasien die schnellsten und riesenhaftesten Fortschritte. Während England seit einem halben Jahrhundert nur ungern und durch die Umstände genörhigt, seine indischen Besitzungen noch ausdehnt, geht Rußland darauf aus, ganz Jnnerasien sich zu unterwerfen. Wer vorurtheilslos die Dinge ansirht, kann sich hiermit nur einverstanden erklären. In der Tatarei, Mongolei, Bucharei ist jeder Fvrffchrur der russischen Herrschaft ein Fortschritt der Civilisation. In diesen von Raubvölkern bewohnten Ländern bringt die russische Herrschaft Sicherheit des Eigeqthums und des Lebens, also der Arbeit und des Verkehrs so weit wie möglich mit sich. Aber gegen Süden! Daß der Ausdehnungstrieb Rußlands nach seinem europäischen Süden hin, also nach den Tonauländern und der europäischen Türkei, noch sehr lebhaft und ununterbrochen gierig ist, ist bekannt, und hierin liegt denn eigentlich die fg. orientalische Frage. Es kommt Rußland darauf an, seine beschränkte Stellung am schwarzen Meere mit der Herrschaft sowohl über das ganze schwarze Meer durch Besitzergreifung der Länder an den Donaumündungen, als auch über den Bosporus und das ägäische Meer, diesen wichtigsten Theil des mittelländischen, durch die Besitzergreifung Konstantinopels zu vertauschen. Da die große Mehrheit der christlichen Bevölkerung dieser Länder der griechischen Kirche angehört, so gewährt dies Rußland einen sicheren Anhalt. Jedermann sieht ein, daß dies für Rußland von unermeßlichem Vortheil wäre, daß hierdurch aber auch seine Machtstellung in beiden Welttheilen eine so Alles überragende werden müßte, daß die anderen europäischen Machte es niemals zugeben können. Ter Krimkrieg 1456 hat hierfür, Zeugniß gegeben: England, Frankreich, Italien und die Türkei gingen offensiv gegen Rußland vor, Oesterreich's bewaffnete Neutralität zwang Rußland zur Räumung der Donausürstenthümer, und Preußen sah dem Gange der Dinge neutral zu. Ein europäischer Congreß zu Paris ordnete die ganze Angelegenheit, legte Rußland Beschränkungen hinsichtlich des schwarzen Meeres auf und stellte die orientalische Frage unter den Schutz Europas. Wird nun dieser Stand der Dinge durch den deutschfranzösischen Krieg und seine Ergebniffe wesentlich verändert °? Wir glauben es nicht, da das gesammte Interesse Europas hier zu stark betheiligt ist. Allerdings sind England und Oesterreich zunächst, Deutschland am entferntesten dabei interessirt, für Frankreich besteht das Jntereffe vorzugsweise in seinem Protectorat der katholischen Kirche im Orient. Rußland selbst, so lange es isolirt steht, scheint das Vorgehen nicht zu beabsichtigen; sonst hätte es gerade die deutsch-französischen Wirrfale benutzen können, um sich der Pariser Stipulationen frei zu erklären und die Türkei anzugreifen. Wenn man behauptet hat. Preußen habe die Neutralität Rußlands durch Zugeständniffe in der orientalischen Frage erkauft,

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