Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1870)
- Date
- 1870-11-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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34. Jahrgang. Allgemeine JW 47. Zeitung des Zndcnthmns. Ein ««parteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Di- Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 22. November 1870. 3 n b a 1 t. Leitende Artikel: Die Aussichtenll. u. lll. — Sammtung für die verunglückten Israeliten in Ltraßbnrg und Metz. ZeitrurgSnachrichte«: Deutschland: Berlin, Bonn. — Oesterreichisch-uugariscke Monarchie: Wien. — Frankreich: Aus Frankreich. Feuilleton-Beilage r Gebete während des Krieges. XViu. Der taube Soldat. (Fortsetzung). — Notizen. — Curiosum. Leitende Artikel Bonn, 13. November. Die Aussichten. ii. In jeder Nation lebt ein Trieb zur Ausdehnung lExpansionskraft), der zuerst sie treibt, einen ihrer numerischen Große angemessenen Landstrich zur Niederlassung zu besetzen oder zu erobern, dann jedoch über die Grenzen dieses Territoriums hinaus die Nachbarn zu verdrängen oder zu unterwerfen. Die Geschichte erweist. daß dieser Ausdehnungstrieb desto starker ist, je naher die Nation ihrem Ursprung, je frischer und naturwüchsiger sie noch ist, daß er im Laufe der Zeiten in ihr inehr oder weniger erlischt, nur in seltenen Fällen niemals. Es wäre interessant, die bisherige Geschichte der Menschheit von diesem Gesichtspuncte aus zu betrachten und ausführlich zu beschreiben. Lag dieser Ausdehnungstrieb den Weltreichen des Alterthums mit ihrem Abschluß im Römerreiche, lag er der Völkerwanderung, dem ungeheuren Volkergeschiebe bis zum Reiche Karl des Großen, lag er, indem er sich in den Mantel der Religion hüllte und deren Fackel als Leuchte auf seinen Wegen vorantrug, dem großen Eroberungszuge des Islam, den Kreuzzügen, dem Einbruch der Deutschen in die Slavenländer und anderen derartigen Erscheinungen zu Grunde, bethätigle er sich noch in den Römerzügen der deutschen Kaiser und deren Herrschergelüsten über Italien: so erlosch er doch hierauf in den europäischen Nationen insofern, als diese in ihren verschiedenen Territorien als selbstständige Besitzer gegenseitig anerkannt wurden. Allerdings folgten hierauf bis in die neuere Zeit noch immer fast ununterbrochen Territorialkriege, aber sie waren vorzugsweise dynastisch, nicht mehr national, und selbst wenn die Habsburger in Oesterreich und Spanien, Napoleon I. die Länder unterwarfen, so vereinigten sie diese als Kronen der Herrscher, als Staaten, die dem Herrscher, nicht aber der Nation gehörten. Bielmebr trat allmälig innerhalb der europäischen Welt als Gegensatz zu diesem Ausdehnungstriebe das Nationalitätsprincip auf, welches den Nationen nicht mehr bloß die von ihnen besetzten Länder als zugehörig anerkennt, sondern ihnen auch das Recht der staatlichen Selbstständigkeit zuschreibt. Allerdings lebte in denjenigen europäischen Völkern, welche an der Küste des atlantischen Oceans wohnen, jener Ausdehnungstrieb eine Zeit lang in einer anderen Gestalt noch einmal auf, nämlich in der Auffindung und Besitzergreifung ferner, mebr oder weniger culturloser Länder in anderen Welttbeilen.