Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1870)
- Date
- 1870-11-15
- Page
- Seite 907 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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907 ich nur sie. Was war es, daß bei aller Freude, die wir an und miteinander hatten, doch seitdem das Bewußtsein in mir erwachte, ein ängstliches Gefühl uns beherrschte, als ob wir nicht immer mitsammen bleiben, als ob wir einstmals getrennt und von einander gerisien würden — solch ein Gefühl dämpft zwar den freudigen Aufschwung selbst in den Stunden des Genusses, aber es erhöht auch die Freude in den Augenblicken, wo man sich sicher bei einander weiß. Wir waren nicht arm. Was heißt auch arm in Italien'. Wo man so wenig bedarf, und dieses Wenige so leicht erwirbt, da sind auch nur Wenige arm. Wer kennt bei uns dieses beständige Verlangen nach Speise und Trank, nach wohlausgestatteter Wohnung, mannigfaltiger Kleidung und noch so vielen Dingen, welches Euch in Eurem rauhen und nasien Klima vrängt und treibt, daß Ihr von früh bis spät arbeitet, und immer von Sorgen gequält werdet und sammelt und aufspeichert und nach Reichthum Euch sehnt und darüber niedersteigt in das dunkle Grab, ohne gelebt, ohne das Leben genosien zu haben! Wir waren nicht arm; wir waren vielleicht begütert: denn unser Häuschen gehörte uns, und was wir brauchten, war immer va und noch Etwas darüber, was wir Anderen geben konnten, und meine Mutter hatte ein schönes Gewand für Sabbath und Fest, das sie zu ihrer Hochzeit erhalten und an diesen Tagen trug, so lange ich denken kann. Mein Vater, der wenige Jahre nach meiner Geburt verstorben, hatte ihr Etwas hinterlaffen, und obschon sie sein kleines Geschäft nicht fortsetzte, war sie doch als Stickerin mit Gold- und Silberfäden berühmt in Stadt und Land, hatte der Aufträge immer mehr, als sie auszuführen vermochte, und bekam, wie sie sagte, sehr reichlichen Lohn dafür. So wuchs ich unter ihrem Schutze sorglos und heiter auf, und nur geringe Schatten lagen aus meiner Kindheit, wenn ich erkrankt war, oder auf dem Angesichte meiner Mutter Trübsinn und Kümmerniß gewahrte, was dann und wann der Fall war. Sie hatte Urfach dazu, wie ich später nur allzusehr erfuhr. Ich muß Ihnen dies erzählen, denn es wurde mein eigenes Schicksal. Darum kenne ich auch die Lebensgeschichte meiner Mutter genauer, als dies gewöhnlich Kindern geschieht. Aeltern und Kinder wiffen in der Regel weniger von einander, als es scheint, daß es bei ihrem innigen Zusammenhang und Zusammenleben der Fall sein müßte. Än Tibur wohnten seit uralter Zeit drei jüdische Familien, von denen die eine die meiner Mutter, die Ursi genannt, war. Sie lebten in Frieden mit ihren christlichen Mitbürgern, die sie als Zwischenhändler für sich sehr nützlich fanden und ihre Betriebsamkeit und Rechtlichkeit schätzten. Tibur war in jenen alten Zeiten — jetzt soll es ganz anders dort sein — eine mäßige Landstadt, deren Bewohner meist vom Del- und Weinbau lebten und von einigen anderen Gewerben, deren Erzeugnisie nach Rom wanderten. Alles war darin einfach und mäßig, friedlich und wohlgeneigt. Rings um die Stadt auf den Höhen der Berge zerstreut standen wohl einige prächtige Landhäuser hoher Cardinäle und Principi, von schönen Gärten und Parks umfaßt. Diese gingen uns aber garnichts an; sie waren dem Bürger und Landmann verschloffen, und wir wanderten vor ihren weißgetünchten Mauern und eisernen Gittern vorüber, ohne daß selbst die Neugier einen Blick hineinzuwerfen sich versucht fühlte. Dann und wann langten wohl auch Fremde an, um den Fall des Teverone zu beschauen, in desien Wasser sie Stäbchen tauchten, um sie mtt einer braunen Kruste überzogen zurückzuziehen, oder in dem See zu baden. Aber auch dies ließ uns gleichgültig, weil wir, daran gewöhnt, nichts Besonderes darin sahen. Meine Landsgenoflen waren sehr gläubig und fromm, aber viel zu naiv und natürlich, als daß sie darum die Handvoll schüchterner und friedlicher Juden hätten Haffen sollen. So wußten meine Väter wenig von jenem Druck und Hohn, der in anderen Städten meines gesegneten Vaterlandes auf ihnen lastete, vor Allem in Rom selbst, wie ich es später so schwer zu erleiden hatte. Die Beschränkungen, denen sie unterworfen waren, rührten seit Alters her, erschienen darum wie selbstverständlich und kümmerten sie deshalb wenig. Das Häuschen meiner Großältern stand neben dem einer Familie Lamberti, Landleute, die draußen am Berge ein bedeutendes Grundstück besaßen, auf welchem sich Oelbäume und Weinreben geschwisterlich vertrugen und einen reichlichen Ertrag für wenig Mühe abwarfen. Meine Mutter Lelia war das einzige Kind ihrer Eltern, und die Lamberti hatten einen Knaben, um wenige Jahre älter, Namens Parlo. Wie schrecklich ist es mir, diesen Namen zu nennen. Die Nachbarkinder spielten oft miteinander, liefen zum nahen Thore in die Berge hinaus; Parlo erklomm die Höhen, um seltene Blumen zu pflücken, welche die liebliche Lelia, auf der Wiese sitzend, in ihre Kränze flocht. Sie trugen sich von ihren Leckerbissen zu, und wenn die Witterung rauher ward, suchten sie sich im Hause auf, um miteinander zu plaudern und zu spielen. Parlo zeigte bald einen lebhaften Geist, und seine Eltern sandten ihn zum Unterricht in das große Jesuitencollegium am Markte der Stadt, das damals noch seine Eigenthümer zu Bewohnern hatte. Bald besuchte einer der Väter den alteren Lamberti und erklärte ihm, sein Sohn mache so glänzende Fortschritte, daß er ihn nothwendig zum Studium, das heißt zum geistlichen Stande bestimmen müsse. Lamberti willigte ungern ein, denn wer sollte dann sein Nachfolger in dem alten Besitzthum der Lamberti werden, und die herrlichen Oliven und Trauben ernten? Die Väter steckten sich aber hinter die Frau, redeten ihr so ins Gewiffen und malten ihr die Zukunft ihres Lieblings so herrlich aus, daß sie ihn fast schon mtt der dreifachen Krone auf dem Haupte auf dem Stuhle Petri sitzen und sich seinen Pantoffel küffen sah. Das Schicksal Parlo's war entschieden, und bald zog er in das Collegium ganz hinüber. Zwei Mal die Woche durste er das Haus seiner Eltern besuchen, und dann unterließ