Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1870)
- Date
- 1870-11-15
- Page
- Seite 908 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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er es fast niemals, auch zu Ursi'S hinüberzukommen, und eine Stunde mit seiner ehemaligen Gespielin zu verbringen. Aber auch dies endete; der vierzehnjährige Knabe mußte in eine Klosterschule nach Rom gehen. Bier Jahre verflossen, dann kehrte er zurück. Noch einmal sollte er das Jesuitencollegium zwei Jahre für den letzten Unterricht besuchen und dann die Priesterweihe erhalten. Der Ruf eines sehr gelehrten, gläubigen und streng stttlichen Jünglings ging ihm voran in die Heimath, und diese war stolz darauf. Gelehrt war er, ob auch gläubig und streng sittlich? Die lang aufgeschofiene Gestalt, das bleiche, schon etwas graue Antlitz, die niedergelassenen Lider, der zusammengekniffene Mund mochten bei dem ersten Blicke es glaubhaft machen, bei dem zweiten erweckten sie Zweifel, und wer dann zufällig das heimliche Feuer aus den grauen Augen blitzen sah, wenn er diese aufschlug, den überkam ein Schauer. Mir sollte es spater oft genug so gehen. Lelia war unterdeß mit ihren 16 Jahren zu der lieblichsten Blüthe, zu einem wahren Bilde der Anmuth und Schönheit entfaltet. Ja, das war und blieb sie, und die herbsten Leiden, die heftigsten Schmerzen konnten an ihr, an meiner geliebten Mutter, diesen Adel der Schönheit nicht erlöschen! . . . Wider Erwarten zögerte der Jefuitenschüler nicht lange, bei den Nachbarn vorzusprechen, und wiederholte diesen Besuch. Der alte Urfi, ein viel erfahrener Mann, sah dies ungern, und machte den Vater Lamberti darauf aufmerksam, daß es unpaffend fei, wenn ein Priefternoviz das Haus eines Juden besuche. Parlo kam nicht wieder; desto öfter ging er an dem Hause vorüber, und Lelia durfte sich nicht an der Thür und am Fenster zeigen, ohne daß er da war und mit ihr ein Gespräch anknüpste. Bald mißfiel dies dem Mädchen sehr. Das unschuldige Kind begann zu ahnen, daß diese funkelnden Augen, diese bleichen Züge, die sich mit einem plötzlichen Roth überzogen, diese leidenschaftlichen Worte etwas mehr bedeuteten als den freundlichen Gruß eines vorübergehenden Jugendgespielen. Sie vermied es möglichst sich zu zeigen, namentlich wenn sie wußte, daß die Zeit, die er im Unterricht und im Gottesdienst war, vorüber. Aber es half ihr wenig. An die Stelle der Gespräche traten die prächtigsten Blumensträuße, die sie auf dem Gesimse des Fensters ihrer Kammer fand. Sie zerriß sie und warf sie auf den Boden des Hofes. Aber der freche Bewerber ließ sich nicht abschrecken, und bald blickte aus der Mitte des Straußes ein Briefchen hervor. Sie las es nicht, zerriß es vielmehr, und zerstreute die Stücklein über die hinausgeworfenen Blumen. Dies mußte endlich auch den Hartnäckigen von der Vergeblichkeit seiner Bemühungen überzeugen; seine Versuche, sich ihr zu nähern, hörten auf; er ging nicht mehr vorüber; sie athmete frei und überließ sich wieder ihrer ganzen jugendlichen Heiterkeit. Auch die beiden Jahre seines Noviziats verstoffen, und der Tag seiner Priesterweihe nahte heran. ES sollte ein Festtag sein für ganz Tibur, welches von dem gelehrten, gläubigen und streng sittlichen Sohne der Stadt nahezu dieselben Hoffnungen hegte, die seine Mutter seit Jahren gehegt, und die sich bis jetzt so ganz zu erfüllen schienen. Vorläufig waren die Tiburtiner stolz auf den Jüngling, sie hielten seine Weihe für ein Opfer, das sie der Kirche brächten und für welches der Himmel ihnen wenigstens für die nächsten Jahre reiche Wein- und Oelernten schulde. Schließlich wann werden die kindlichen und erregbaren Italiener sich eine Veranlaffung zu einem Feste entgehen laffen? Die ganze Stadt war in Bewegung, und die Vorbereitungen wurden sichtlich getroffen. Die Straßen, durch welche der feierliche Zug, die ganze Geistlichkeit, mit dem Bischof an der Spitze, voran, mit einem Musik- und einem Mannerchore, mit der gesammten männlichen und weiblichen Jugend in festlichen Gewändern und mit Kränzen geschmückt, mit dem Magistrate und den Bürgern der Stadt, zur Kathedrale gehen sollte, wurden mit Guirlanden überzogen, die Häuser mit bunten Teppichen und Tüchern behängt, Myrthen und Rosen auf den ganzen Weg gestreut, in jeder Familie leckere Speisen bereitet. Die Ursi, so streng sie auch auf ihre Religion und deren Satzungen hielten, entzogen sich bei solchen Gelegenheiten, so weit es sich nur mit ihrem Glaubensbekenntniß vereinigen ließ, den Zeichen der öffentlichen Festlichkeit nicht. Es war damals auch noch nicht rathsam, die Fronte seines Hauses durch die Abwesenheit aller Zeichen der Feier von allen Nachbarhäusern abfiechen zu laffen, und so dem Pöbel allzu fühlbar zu machen, daß hier ein Widerspruch gegen das, -was er liebte und verehrte, vorhanden. Es war damals wie heute nicht mit ihm zu spaßen, wenn er Grund zu Haffen und Macht zu strafen zu haben glaubte. Also auch das Haus meiner Großältern war mit schönen Teppichen behängen und grüne Maien vor seine Thüre gepflanzt. So ging die goldene Sonne hinter purpurumsäumten Wolken nieder über Tibur, das den kommenden Morgen kaum erwarten konnte, der ihm ein hohes, seltenes, seit Jahrzehenden nicht stattgefundenes Fest bringen sollte. (Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung m Leipzig.— Druck von 3. SB. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Ör. H. Loge.