Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1870)
- Date
- 1870-11-15
- Page
- Seite 906 (sequence 18)
- Language
- German
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906 gelegen; er lenkte seine Schritte nach dem Gottesacker und brach auf der Schwelle des Hauses zusammen. Der Todtengräber, der unter einer rauhen Hülle ein mitleidiges Herz barg, trug ihn hinein und Pflegte seiner, da er ihn an dem kleinen Gebeibuche in der Tasche als einen Glaubensbruder erkannt hatte. Als er sich wieder erholt hatte, bewog sein hülfloser Zustand, ihn hier zu lauen. Er schickte sich in die Verhältnisse und hatte kein Verlangen, jemals den Ort wieder zu verlasien. Allerdings mag ich damals nicht alles Dies so genau verstanden haben. Aber nach einigen Jahren verließ ich meine Vaterstadt, und während meiner Studien verlegte ich mich mit Ernst auf die Erlernung des Italienischen, wobei jedoch die Erinnerung an meinen tauben Soldaten in der Heimath schwerlich mitwirkte. Als ich indeß später zu einem Besuche meiner Verwandten nach meiner Vaterstadt wieder zurückkehrte, suchte ich auch den alten Italiener auf, der mich mit großer Herzlichkeit empfing. Wie glücklich war er, als er wenigstens zu einem Menschen wieder einmal sprechen konnte! Es war ihm eine Wonne, sich in seiner wohlklingenden Muttersprache zu ergehen, wie er sie seit seinem Unglück auf dem Schlachtfelde bei Leipzig nicht empfunden. Da stand er denn nicht an, mir seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, die ich nunmehr hier mitHeilen will. Freilich bin ich nicht im Stande, jene leidenschaftliche Beredtsamkeit wiederzugeben, welche der Italiener in seiner Erregung, und diese selbst ist ihm so natürlich, besitzt. 2. Wenn Sie mich, lieber Freund, so schweigsam dahinwandeln sehen — wozu mich freilich mein trauriges Geschick verurtheilt hat — wenn Sie gewahren, wie ich in meiner armseligen Kammer, in der Nähe eines so trübseligen Ortes, wie das Gräberfeld ist, das ich zu bewachen mitübernommen habe, meine Tage verbringe, so ahnen Sie nicht, daß ich dennoch Stunden stillen Entzückens, innerer Begeisterung habe und ihnen zu reinstem Genüsse mich hingebe. Es sind die Erinnerungen, Freund, die in lichten Gestalten mir vor die Seele kommen, mich der trüben Gegenwart entrücken und mir eine Welt voll heimlicher Freuden schaffen. Wenn sie nahen, mag ich auf meinem Schemel bei der Arbeit sitzen, oder zwischen den Gräbern und im nahen Fichtenwalde lustwandeln, dann steigt eine wohlthuende Wärme und ein Lichtschimmer in meinem Herzen auf, wie wenn die Sonne ihre rosigen Morgenskahlen in die Nebel der Dämmerung wirft. Ich bin bereit, sie zu empfangen, jene Bilder meiner schöneren Vergangenheit, ich halte sie fest, ich labe mich an ihnen, und sie sind so dankbar, denn sie verweilen bei mir manche Stunde nach Stunde, bis die Außenwelt mich weckt und mir die theuren Schatten verscheucht. Und um was drehen sich diese wiedergeschaffenen Scenen, diese Erscheinungen, die ich nochmals erblicke? Ach, um meine schöne Daterstadt und um meine noch schönere Mutter! . . . Was wiffen Sie, Sohn dieses rauhen und einförmigen Landes, wo sich der Frost nur mit der Kühle und mit einer kurzen schwachen Sommergluth um die Herrschaft streitet, und die Nacht mit der Dämmerung und einem weißen falben Lichte, was wiffen Sie von der Herrlichkeit der Erde, von der Ueppigkeit und Pracht der Natur! Nach Italien müffen Sie gehen, nach meinem glänzenden Italien, nach deffen Süden, um zu erfahren, was Gottes Schöpfung ist. Sei mir gerußt, liebliches Tibur, wo ich das Licht der Welt erlickte, ein Licht, so golden und strahlend, daß es mir wie einen Heiligenschein um meine Wiege legt! Das Schicksal verbannte mich aus Dir, jagte mich durch ferne Länder — aber wo sah ich deinesgleichen von dem Ufer des Manzanares bis zu den Sümpfen der Over und Weichsel? Auf dem Gipfel und an den Abhängen eines sanft ansteigenden Berges hingestreckt, rings von duftenden Gärten und immer grünen Oelbaumwäldern umgeben, blickst du über die weiten Ebenen der Campagna, durch die sich der gelbe Tiber schlängelt, über Rom, das an deffen beiden Ufern gelagert, hin nach den violetten Bergzügen, welche mit ihren kantigen Gestalten den lichtblauen Himmel abschließen. Rom! . . . Wenn ich als Knabe an dem donnernden Sturz des Teverone stand, der unfern von Tibur sechszig Fuß über die Klippen hinabschäumt, oder an dem öden Strand des Solfatara, des kleinen, unbeweglichen Sees saß , von deffen Oberfläche ein dünner weißer 'Nebel aufsteigt, sobald die glühende Sonne auf seinen stahlgrauen Spiegel blickt und den Nebel mit goldenem Rande umsäumt, und nun hinunterblickte auf das weite Häusermeer der ewigen Stadt, auf ihre Hügel, mit Pallästen und schimmernden Gärten bedeckt, auf die zum Himmel steigenden Kuppeln und Thürme ihrer zahllosen Kirchen, auf die emporragenden Trümmer und Ruinen — da wogten und stritten Verlangen und Schrecken, Sehnsucht und Furcht in dem arglosen Kinderherzen — dahinunter mochte ich eilen, und doch wieder jagten mich ängstliche Ahnungen zurück, es war dem unerfahrenen Knaben, als ob seiner da drunten herrliche Freuden, aber auch furchtbare Geschicke harrten; doch die einen wollt' ich erfaßen, die anderen überwinden. Doch mitten unter diesen reichen und bunten Bildern, unter diesen wechselnden Gefühlen trat immer wieder der Gedanke an meine Mutter zu mir, und trieb mich ftöhlich aus den Oelbaumwäldern, vom Wafferfall und von dem schwefeligen See zu unserem Häuschen in einer Vorstadt Tibur's zurück. Meine Mutter war so schön und gut; ihre seelenvollen Augen, ihr bleiches aber liebliches Antlitz, ihre große, ebenmäßige Gestalt, ihr volles dunkles, von der Wittwenhaube mit Mühe umschlossenes Haar, die sanften Worte, die von ihren Lippen flössen und nur Liebe und Gottesfurcht athmeten, die still und emsig arbeitende, für mich besorgte und sorgende Mutter, sie zog mich immer wieder unwiderstehlich an, und zu ihr flüchtete ich mich wie zu einem sicheren Asyl, deffen Pforten dem Schutzsuchenden stets offen sind und hinter ihm bergend sich schließen. Hatte sie doch nur mich, und