Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1870)
- Date
- 1870-11-15
- Page
- Seite 905 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. Femllelon-Leilage zu ttr. 46. Leipzig, den 15. November 1870. Dem Schöpfer der „Silber aus dem jüdischen Familienleben" Prof. Moritz Dppenkeim Frankfuri a/M. Wir dachten oft an jenes stille Walten Äm Aelternhause. Schlichte Frömmigkeit Und heil'ge Brauche hatten es geweiht Und Ehrfurcht herrschte drin vor allem Alten. Wie Nebel schwinden sie, wie Traumgestalten, Die lieben Bilder unsrer Kinderzeit, Wo sich im Glanze Fest an Fest gereiht. — Vergebens wünschten wir, sie festzuhalten. — Da kämest Du, begabt an Herz und Hand, Und wußtest, die Erinn'rung zu verweben, Bis sie die Form, die kunstverklärte fand. Wys Du in diesen Bildern uns gegeben. Hat einen unvergänglichen Bestand, Wie unser jüdisches Familienleben! Leipzig, im Novbr. 1870. Livins Fürst. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. «Fortsetzung.) Der große Völkerkrieg hatte begonnen, und die gewaltigen feindlichen Heere zogen gegen einander nach der weilen Ebene um Leipzig, hier eine entscheidende Schlacht zu schlagen. Mein Freund war damals ein rüstiger Mann von 30 Jahren. Am dritten Tage der Schlacht kam er mit seiner Compagnie zwischen mehrere Batterien schwersten Kalibers. Diese donnerten gemeinschaftlich mit noch anderen weithin aufgestellten zu gleicher Zeit los. Es war ein Knall, wie er noch nie auf Erden gehört worden, die Erde bebte, die Luft wurde wie von einem furchtbaren Keulenschlage erschüttert. Es fuhr dem jungen Manne wie ein Blitz durch die Ohren und bohrte sich ihm tief in das Gehirn. Gleich darauf war Alles still. Der Donner der Kanonen war verstummt, das Knattern des Pelotonfeuers hatte aufgehört, das Wirbeln der Trommeln, die Signale von tausend Hörnern, das Raffeln der Waffen, das Dröhnen der Marfchirenden, die wilden Rufe der Commandos, nichts von allem Diesem wurde von ihm ferner vernommen — das Schlachtfeld hatte sich in einem Augenblicke zu einem Todtenfelde mit tiefem Schweigen gewandelt - und doch sah er die Kanoniere an ihren Geschützen immerfort beschäftigt, den Blitz und die Rauchwolken der Geschütze, das Marschiren, das Stürmen und Zurückweichen der einzelnen Truppen, die Officiere mit geschwungenem Sabel voran, den Kampf, das Siegen oder Unterliegen, kurz er sah das ganze furchtbare Bild eines Schlachtenkampfes um sich, und vernahm doch keinen Laut. Es überwallte ihn heiß, sein Bewußtsein schwankte, aber es mußte geschehen, er mußte sich sagen: du bist taub geworden!. .. Nach einiger Zeit suchte er sich zu fasten, er raffte sich auf, aber seine Leute waren fern; in seiner Betäubung hatte er ihren Weitermarsck nicht bemerkt, das Commando der Officiere hatte er nicht mehr gehört. Er eilte ihnen nach, aber fand sie nicht; er schloß sich einem anderen Corps an, und kam wieder davon ab. Der Tag war für den fränkischen Kaiser verloren, Alles wich zurück, löste sich bald in wilde Flucht auf, des Einzelnen ward nicht mehr geachtet. So kam der Unglückliche aus dem Bereiche des Schlachtfeldes und die 'Nacht sank herab. Er wußte nicht mehr, was mit ihm weiter geschehen, bis er des Morgens in einem Gehölze erwachte, und hier auf die Leichen gefallener preußischer Landwehrmänner stieß. Er entledigte sich seiner französischen Uniform und bekleivete sich mit dem Mantel und der Mutze eines Landwehrmannes. Dann irrte er weiter, ohne zu wissen, wohin, vermied jede Straße, umging alle Plätze, wo er Wrenschen erblickte, und wagte es nur in einem entlegenen Dorfe um etwas Brod zu betteln, das er empfing. Erschöpft, kaum im Stande, sich noch fortzuschleppen, gelaugte er am dritten Tage in die Nähe meiner Vaterstadt. Er erkannte die Gegend, denn er hatte hier vierzehn Tage