Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1870)
- Date
- 1870-11-15
- Page
- Seite 903 (sequence 15)
- Language
- German
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899 Vom Rheine, I. Nov. (Privatmitth. Wahrscheinlich haben sich die 'Ultramontanen überzeugt, daß der Plan, durch Wahlen von Abgeordneten ihrer Farbe die Staatsregierung zu nöthigen, in einen Handel um die weltliche Herrschaft des Papstes sich einzulassen, ein thörichter und unausführbarer sei: sie wollen jetzt sowohl durch Massenpetitionen an den König als auch durch den Einfluß hochstehender Personen, namentlich der Erzbischöfe, unseren Monarchen veranlassen, für den Papst einzutreten. Denken sie hierbei an die geistliche Unabhängigkeit des Papstes in der Ausübung seiner höchsten geistlichen Functionen: so wird Niemand ihnen darin entgegen sein, nur daß nicht ein einzelner Herrscher, sondern alte, deren Unrerthanen ganz oder zum Theil katholischen Glaubens sind, dazu berufen werden, und hat ja die italienische Regierung selbst ihre Bereitwilligkeit hierzu wiederholt erklärt. Es liegt ebenso im Interesse der allgemeinen Ruhe wie in dem Italiens, daß diese Verhältnisse geordnet und sicher gestellt werden. Anders verhält es sich jedoch, sobald man eine Wiedereinsetzung des Papstes in seine Herrschaft, eine Wiederaufrichtung des Kirchenstaates beabsichtigt. Es giebt keinen einzigen Monarchen in Europa, der hierfür Etwas zu thun vermöchte, Rie-- manden, der um dieses Zweckes willen mit bewaffneter Hand in Italien einfallen dürfte. Als fast sämmtliche Regierungen Europas den Papst um die Freilassung des Knaben Mortara angingen, antwortete er: non possunnts, d. h. ich kann nicht, und wenn ich könnte, wollte ich nicht. Die Fürsten antworten auf die Forderungen der Ultramontanen: wir wollen nicht, und wenn wir wollten, können wir nicht. Dies sollte man endlich einsehen, und die Illusionen fahren lassen, als ob ein .Kirchenstaat noch lebensfähig oder aufersrehungsfähig wäre! Aus Württemberg, 20. Oct. «Privarm.) Eine Beilage zum „Sraatsanzeiger für Württemberg"' bringt die Rechnungsergebnisse der israelitischen Cenrral-Kirchencasse pro 1868 69, und heben wir daraus folgende Daren hervor. Die Einnahmen beliefen sich auf 27,788 fl., die Ausgaben auf 25,315 fl., so daß der Eassenbesland am 30. Juni 1869 2473 fl. war. Zu den Einnahmen gehören der Cassenbestand vom vorigen Jahre mit 3309 fl., Eapitalzins 3129 fl., Persoualsteuer 5709 fl., Rabbinatsbesoldungsbeiträge 3614 fl., Zuschuß der Staatscasse 9600 fl. Zu den Aus gaben gehören Aufsichts- und Lerwaltungskosten 3150 fl., Rabbinatsbesoldungen 10470 ft., Unterstützungen an Rabbinats- und Schiilamrszöglinge 500 fl., an Gewerbslehrliuge 358 fl., Gehaltsaufbesserung für dehrer und Vorsänger 3o98 fl. Man sieht hieraus, welche Verschiebung und Verwirrung der Verhältnisse aus einer Beseitigung der gegenwärtigen Einrichtungen für den jüdischen Eultus in Württemberg entstehen würde. Der Vermögensftand der israelitischen Central Kirchencasse war am 30. Juni 1869 76,230 fl. Fürth, 4. Rov. (Privatmitth.) Unsre Glaubensgenossen, die Herren H. E. Berolzheimer und 2)t. dieser wurden zu 'Assessoren, I. Mohr und I. P. Morgenstern zu Ergänzungsrichtern am hiesigen kgl. Handelsgericht ernannt. So freudig wir nun auch diese Ernennungen als ein Zeichen der liberalen Anschauung in den bestimmenden Kreisen begrüßen, so sind es doch nur unbesoldete Ehrenstellen. Bis heute ist in Bayern noch kein besoldeter jüdischer Richter angestellr, aber abgesehen, daß gerade im Justizministerium Recht und Gerechtigkeit nach allen Seiten hin gehegt und gepflegt werden sollte, ist gerade der gegenwärtige Krieg, in weläwm die jüdischen Söhne gleich ihren christlichen Kameraden zur Ehre von König und Vaterland ihr Blut auf dem Schlachtfelde verspritzen, besonders dazu geeignet, den alten Zopf abzuschneiden. Den Juden muß für gleiche Pflichten und Treue auch gleiches Recht und gleicher rohn gewährt werden, zudem die Richtanstellung derselben zu Richtern der Verfassung zuwider nur auf willkürlicher Interpretation beruht. Hoffentlich wird bei dem bald zusammentretenden Landtage eines unsrer jüdischen Mitglieder desselben das Ministerium energisch inrerpelliren, um nach dieser Richtung unser garamirtes Recht zu erwirken. Unsre Regierung muß dazu getrieben werden, denn es scheint, daß sie die durch den unaufhaltsam fortschreitenden Zeitgeist bedingten Forderungen fast ignoriren möchte. Dies zeigt sich ganz deutlich betreffs der hiesigen Eommunalschule. Die Einführung derselben wurde schon über ein Jahr sowohl von den städtischen Behörden als auch durch Abstimmung Der Bürgerschaft selbst fast einmüthig beschlossen, und heute ermangeln wir noch eines höheren Bescheids trotz des desfallsigen Anrufens des Magistrats an das Ministerium. Wünschen wir daher auch in dieser Frage baldige Erledigung in einer der freien Sacke entsprechenden Weise. 46*