Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1870)
- Date
- 1870-11-15
- Page
- Seite 901 (sequence 13)
- Language
- German
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897 Jeituwgsuachrichte«. Deutschland- Berlin, 6. Nov. (Privatmirth.) Als ehrende und zur Nachahmung auffordernde Thatsache heben wir hervor, daß der Schulvorstand der hiesigen ijüdischen Gemeinde jüngst verordnet hat, einem Lehrer am hies. jüdischen Seminar, obschon er nicht eine definitive Stellung einnimmt, während der ganzen Zeit, die er als Militär im Felde steht, sein Gehalt vollständig auszuzahlen. — Die „Kreuzzeirung" legt einmal wieder in fulminanten Artikeln gegen den Constiturionalismus, die Verfassung, die Volksrechte, die confesnonelle Gleichberechtigung los. Sie erklärt diese alle für '.französischen Schwindel, der jetzt genügend bewiesen habe, wohin er führe. Dies ist nun freilich ein geschichtlicher Schnitzer, den man der Kreuzzeirung noch nicht als ein Zeichen der Unwissenheit zuschreiben muß. Sie wird es ebenso gut wissen wie wir, aber so eine kleine geschichtliche Fälschung ist ja für so fromme Seelen, wie die Gelehrten der Kreuzzeitung, nichts Ungewöhnliches. Sie wissen so gut wie wir, daß durch die Constitution beschränkte Monarchen, Parlamentarismus, Habeas-Corpus-Acte u. s. w. keine französische, sondern englische Crfindung ist, die der Franzose Montesquieu auf den Continent hinübergepflanzt hat zu einer Zeit, wo wir gute Deutsche uns zwar schon stief in den Shakespeare und seine Bedeutung versenkt, aber noch keine Ahnung hatten, daß es Etwas gebe, wie Staat, Staatsverfassung, Volksvertretung, Steuerbewilligunzsrecht, Controle 'der Staatsregierung und Volksrechte gegenüber der Staatsgewalt. Das nun freilich haben die Franzosen verschuldet, daß sie auch die Conrinentalvölker mit diesem gesellschaftlichen Ballast bekannt gemacht haben. Auch das paßt der Kreuzzeitung nicht in den Kram, daß gerade die Wirtschaft Napoleon UI., des erklärten Feindes des Parlamentarismus, erwiesen hat, wie nothwendig dieser zur Erhaltung eines modernen Staates ist, da nun einmal die schönen Zeiten des Mittelalters, des Absolutismus und Despotismus unwiderruflich vorüber sind. Sie übergeht es daher mit Stillschweigen und giebt den constitutionellen Betrug, den der Mann des 2. December aufgeführt hat, für eine verfassungsmäßige Regierung aus. Nun, die Donner und Blitze der Kreuzzeirung fahren vergeblich durck die Luft: sie erschrecken nicht, sie zünden nicht, sie zerschmettern nicht. Ihr Gepolter mag wohl in einigen feudalen Herzen und bureaukratischen Geistern Wiederhall finden: aber es ist doch nur das Geseufze einer unrergegangenen Zeit. Ihm gegenüber bat der Rector der Berliner Universität, Prof. Dr. Bruns in seiner Antrittsrede glänzend ausgeführr, daß die gegenwärtigen Ereignisse erweisen, wie das Heil einer Staatsregierung durchaus nicht in gefügigen Kammern und einem servilen Beamtenheere, vielmehr die größte Gefahr darin liegt. Wenn die Franzosen nicht dazu beschaffen waren, den Constitutionalismus zu verwirklichen, und ihn immer wieder verpfuschten, so ist damir noch nicbt bewiesen, daß er für andere Nationen nickt die richtige Staatsform sei. Die Deutschen nehmen eine Idee von fremden Völkern an, arbeiten sie langsam, aber sicher und gründlich durch und geben ihr auf diese Weise den nothwendigen geschichtlichen Unterbau, ohne welchen kein Werk auf Dauerhaftigkeit zu rechnen hat. Der Eonstirurionalismus ist seit einem halben Jahrhundert in vielen deutschen Staaten eingebürgert und hat sich daselbst nur langsam zu einem wirklichen Staatselement entwickelt. Was auch ministerielle Willkür, Interpretation und Conflictssucht daraus machen wollten tlnd damit experimentirten, er har doch zuletzt die Oberhand gewonnen. Gerade daß Preußen sich zu einem norddeiltschcn Bunde erweitert har und dieser sich zu einem deutschen erweitern will, macht den Constiturionalismus unentbehrlicher und stärker. Die deutsche Centralgewalr wird stets mehr durch die deutschen Völker als durch die deutschen Fürsten gehalten , unterstützt und gefestigt werden, und darum kann sie der freien Zustimmung dieser Völker nicht entbehren. So sind die Aussichten auf ein constitutionelles Recht sehr günstig, und wir möchten die galligen Artikel der Kreuzzeirung als ein Zeugniß hierfür annehmen. Breslau, 19. Sepr. .Verspätet.» Breslauer Zeitungen berichten: Gestern früh um 1» Uhr fand das Leichenbegängniß des in der Schlacht bei Sedan gefallenen Stabsarztes I)r. Louis Schiftan vom Bahnhofe der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn aus nach dem isr. Friedhofe statt. Dem Leichenzuge, welchem die Orden des Dahingesckiedenen voranzetragen wurden, 46