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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-15 · Heft 46 (15.11.1870) · p. Seite 891

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 46 (15.11.1870)
Date
1870-11-15
Page
Seite 891 (sequence 3)
Language
German
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891 dasselbe, sah ruhig zu, wie es sich Savoyen und Nizza aneignete, und gab in der Luxemburger Angelegenheit nach Möglichkeit nach. Anders Frankreich. Dies erblickte in der Einigung Deutschlands, in der vorwiegenden Machtstellung Preußens in demselben, in den Annectirungen von 1866 eine Schwächung seiner selbst, eine Verminderung der von ihm beanspruchten europäischen Suprematie. Hatte eS schon in der Einigung Italiens eine Gefahr gesehen, weshalb es seine schwere Hand von diesem Lande nicht abzuziehen gedachte, so erschien sie ihm verdreifacht in einem einheitlichen Deutschland. Dies war der Kern der Frage, und hierin waren Herrscher und Nation einig. Nur die specielle Beranlasiung fällt auf den jetzt gefangenen Kaiser; in der Tiefe war es die Politik der gesammten Nation, die den Krieg veranlaßte. Fragen wir daher, eher wir weiter gehen, nach dieser Einigung Deutschlands. Man weiß, daß jetzt Verhandlungen zwischen dein norddeutscheu Bunde und den Südstaaten stattsinden. Wir gehörten nicht zu denen, welche mit dein Beginne des Krieges die Einheit Deutschlands im rosigsten Lichte und als nunmehr abgeschlossen ansahen. Wir glauben daher auch jetzt noch nicht, daß diese Vereinigung eine vollständige und alle Schwierigkeiten bereits überwunden sein werden. Aber im Grunde bedeutet dies nicht viel. Die Bereinigung sindet jedenfalls statt; ob etwas lockerer, macht nichts aus, und kann ruhig der weiteren Entwickelung überantwortet werden. Die nationale Idee ist durchgedrungen, und es kann ihr weder ein Fürst noch ein Stamm wiedersiehen. Für die innere Entfaltung der deutschen Kräfte ist dies ein unübersehbarer Gewinn; aber ebenso außerordentlich für die Machtstellung Deutschlands und für die europäische Politik im Ganzen. Den geistigen und materiellen Kräften steht nun vom Bodensee bis zur Ostsee, von den Vogesen bis zur Weichsel ein ungehinderter Spielraum frei, und Europa hat in Zukunft nicht mit einem gespaltenen und nach verschiedenen Richtungen auseinanderlaufenden, sondern mit einem geeinigten Deutschland zu rechnen. Hiermit ist die Frage zwischen Frankreich und Deutschland gelöst. Das erftere kann überhaupt auf eine politische Präponderanz keine Ansprüche mehr machen, und auf die innere Gestaltung bei den Nachbarvölkern einen entscheidenden Einstuß nicht mehr üben wollen. Es kann nicht mehr wagen, das an seiner Grenze befestigte und seine ungeheure Wehrkraft in einer Hand vereinigende Deutfchand anzugreifen; es ist hierzu durch die riesigen Verluste, deren Ersatz Decennien kosten wird, völlig unfähig, und feine Erfahrungen in dem gegenwärtigen Kampfe werden ihm Muth und Lust dazu auf lange Zeit nehmen. Mag immerhin ein heftiges Rachegelüst in den Herzen der Franzosen wühlen: es giebt auch eine ohnmächtige Wuth, und eine solche kühlt sich mit der Zeit ab. Ohne also auf einen Umschwung der Ideen und Gefühle bei den Franzosen zu rechnen, obgleich dieser im Laufe der Zeit doch nicht unmöglich ist, können wir die höhere politische Frage zwischen Frankreich und Deutschland als gelöst ansehen, da es jenem nicht mehr einfallen kann, in Deutschland herrschen zu wollen und es diesem nicht zusagt, auf die inneren Verhältnisse in Frankreich gebieterisch einwirken zu wollen. Denn, um diese Bemerkung sofort anzureihen, so hervorragend auch die politische Machtstellung ves siegreichen und geeinigten Deutschlands in Europa fortan sein wird, einen offensiven Charakter wird sie nicht annehmen. Wir nehmen dies nicht aus Motiven der Gutmüthigkeit und Sentimentalität an, sondern weil die innere Lage in Deutschland und der geschichtlich herangebildete Charakter der Nation nicht dafür spricht. Mögen immerhin die strafte der letzteren eine gewiffe Centralisation erhalten und eine deutsche Centralgewalt erstehen: dennoch werden diese nicht so concentrirt werden, daß eine Hand sie nach eigenem Belieben lenkt, wie etwa ein französischer oder russischer Monarch. Die deutsche Concentration wird stets mehr in der Defensive als in der Offensive bestehen, und die Einflüffe der Fürsten und des Volkes auf die Centralgewalt stark genug sein, um diese von aggressivem Vorgehen zurückzuhalten. Fortan wird deshalb keine europäische internationale Frage ohne gewichtigen Einfluß Deutschlands entschieden werden; aber dieser wird sich dabei stets innerhalb der Grenzen seiner näheren Interessen halten und auf eine angemaßte Suprematie nicht verfallen. Wie sehr sich auch die früheren Berhältnisie in Deutschland geändert haben, wie weder das frühere Reich noch der alte Bundestag möglich ist, so werden doch immer die Quellen, aus denen die Macht Deutschlands fließt, mehrfach und nicht ganz gleichartig fein. Gerade aus dieser Beschaffenheit wird der europäische Frieden fortan gesicherter sein als bisher, weil eben in der politischen Gipfelung keine vollständig centralisirte und anmaßliche, sondern eine in sich fest beruhende und friedlicher Ausgleichung geneigte Macht stehen wird. 46*

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