Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1870)
- Date
- 1870-11-15
- Page
- Seite 890 (sequence 2)
- Language
- German
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890 der Zukunft stets unserem Thun und Lassen zu Grunde liegen, die Motive geben muß. Stehen wir doch z. B. in Preußm vor den Abgeordnetenwahlen, in Deutschland vor Reichstagswahlen, bei denen die Meinung, die wir von der nächsten Zukunft hegen, viel Bestimmendes haben muß. Nun halt Niemand sich und Andere für so gescheidt, um mehr oder weniger genau sagen zu können, was geschehen werde, wohl aber die Richtung anzugeben, nach welcher die Dinge sich neigen, den Weg zu erschauen, welchen die Verhältnisse einschlagen werden. Wenn wir aber von den Aussichten sprechen wollen, so gestatten wir uns noch eine Borbemerkung. Es gab eine Zeit, eine lang andauernde, traurige Zeit, wo, wenn wir Juden von Aussichten sprachen, wir nur an das Schicksal der kleineren oder größeren Gemeinde am Orte, höchstens an das Berhängniß der Juden in der Landschaft denken konnten. Ob man uns die ruhige Heimstätte lasten oder nehmen und aus ihr versagen werde, welche Verfolgung, welche Bedrückung, welche Lasten und Mißhandlungen uns bevorstehen, das waren die Aussichten, in die wir unseren Blick zu versenken hatten. Dann kam eine Zeit, und diese ist noch nicht lange vorüber, wo unsere Aussichten in dem geringeren oder größeren Maße der bürgerlichen Rechte, die man den Juden unseres Staates gewahren werde, in dem Kampfe um die sg. Emancipation, in den Fort- oder Rückschritten innerhalb derselben belegen waren. Dies Alles ist vorüber. Nachdem soeben der Kirchenstaat gefallen, besteht diese Frage nur noch für den östlichen Theil Europas, für Rußland, Rumänien und Serbien. Die kleinen Befürchtungen und Hoffnungen, die wir diesteits der Weichsel in dieser Beziehung noch zu hegen hätten, sind sorgfältiger Erwägung kaum noch fähig; sie hangen nur noch von einigen Persönlichkeiten und einem kleinen Zeitmaße ab. Wenn wir demnach gegenwärtig von den Aussichten sprechen, so sind es die allgemeinen, keine besonderen, so sind es die Jntereffen des Volkes und Staates, dem wir als lebendige Glieder angehören, die Jntereffen Europas und der ganzen Menschheit, die Jnteresten des Rechts, der Humanität und Freiheit für Alle, die unseren Geist beschäftigen, unsre Gedanken und Gefühle in ihren Tiefen aufregen. Dies ist groß und bedeutend, und so charakteristisch für die Zeit, die wir durchlebt haben, daß wir es uns wohl vor die Seele führen mögen, wenn wir über Gegenwart und Zukunft uns ein Urtheil bilden wollen. Unser Geist füllt sich da mit einer wvhlthuenden Warme, und das Bewußtsein, daß unsre Zeit schon Großes vollbracht hat, und entschieden vorangegangen ist — unsre Siege sind ja nur Ausflüffe anderer, noch weiter hin wirkender — wird uns befähigen, ein richtigeres Maß an die Verhältnisse und Ereigniffe zu legen. Nun, vor Allem — der Friede wird kommen! Ob noch kürzere oder längere Zeit darüber vergehen, ob noch größere oder geringere Kämpfe dafür nothwendig sein werden, läßt sich in diesem Augenblicke nicht sagen. Dennoch ist der Eintritt des Friedens durch den Gang der Ereigniffe als nahe gerückt anzusehen. Wenn ein Schrecken erregendes Unwetter um uns tobt, wiffen wir zwar immer, daß es enden und die aufgeregte Natur wieder zur Ruhe kommen werde. Allein, wenn der Sturm sich nur noch in einzelnen Stößen kundthut, wenn die Wolken sich zu brechen anfangen und finstere Maffe sich nur noch nach einer Seite zusammenzieht: so wiffen wir, daß in geringer Zeit der blaue Himmel wieder über uns lächeln und die goldene Sonne auf unS scheinen werde. So verzweifelt auch der Widerstand der Franzosen noch ist, so sehr diese große Nation ihre letzten Hülfsquellen erschöpft, um mit dem siegreichen Feinde noch zu ringen, so viel sie auch noch Menschen und Waffen aufzubriugen sucht, sich dem übermächtigen Gegner entgegenzuwerfen: so zeigt doch jeder Vorfall, daß alle ihre Anstrengungen und Opfer vergebens sind. Wer wünscht nicht, daß Führer und Maffe zu der klaren Erkenntniß ihrer Lage kommen möchten? Die Bedingungen des Friedens stehen fest; in der Natur der Dinge liegt es, daß der Sieger sie nicht steigern, der Besiegte sie nicht mindern kann; die beiderseitigen Opfer, die noch gefordert werden, fallen daher nur der Hartnäckigkeit und der Selbsttäuschung, der wüsten und blinden Wuth des Besiegten, der sein Schicksal nicht begreifen und sich in dasselbe nicht finden will, so daß er nur in seinem eigenen Fleische wüthet, seine Verluste vergrößert und sein Wiedererstehen sich nur um so schwieriger macht. Hieran knüpft sicb deshalb sofort die Frage: wird der Friede ein dauerhafter sein? So weit wir schauen, glauben wir sie bejahen zu müssen. In der That bestanden in der letzten Zeit nur zwei Fragen der internationalen Politik: die zwischen Deutschland und Frankreich und die orientalische, d. h. die zwischen Rußland und der Türkei. Die erstere ging nicht von Deutschland aus, denn dieses erhob auch nicht die geringsten Prätensionen auf Frankreich; es machte keinerlei Ansprüche an