Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1870)
- Date
- 1870-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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34. J»hrgang. Allgemeine Jlf8 46. Zeitung -es Zudeuthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 15. November 1870. rgS-Expeditione» nehmen Befkl- Inhalt. Leitende Artikel: Die Aussichten. — Sammlung für die verunglückten Israeliten in Straßburg und Metz. — Jüdische Feldgeistliche. — Abhandlungen verschiedenen Inhalts. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Aus der Provinz Posen, Neiße, Effen, Vom Rheine, Aus Würtemberg, Fürth. — Oesterreichisch-ungarische Monarchie: Wien, Pest, Lemberg, Znaim, Czernowitz. Feuilleton-Beilage: Dem Schöpfer der „Bilder aus dem jüd. Familienleben" Prof. Moritz Oppenheim in Frankfurt a M. — Der taube Soldat. ^Fortsetzung». Leitende Artikel. Bonn, 6. November. Die Aussichten. Den Himmel der Zukunft sehen die einen Menschen stets in der dunkelsten Färbung, als finstere Nacht, oder wenigstens von düsteren Wolken überzogen, die der Sturmwind bringt und forttreibt, voll Gewitterwolken, aus deren Schoße sich zündende und zerschmetternde Blitze niedersenken; wahrend die Anderen Alles voll Licht und Sonnenschein erblicken, in goldenem Glanze, und höchstens von Purpurumsaumtem Gewölk mehr geziert als beschattet. Man nennt die Einen Pessimisten, die Anderen Optimisten. Es ist aber nicht nothwendig, zu einer dieser beiden Elasten zu gehören. Nur Sturm und Unwetter, oder nur Licht und Strahlenglan; zu sehen, ist eben irrig. Niemals wird der Schatten fehlen, aber auch niemals die Leuchte. Es kommt nur darauf an. ob sich die Zukunft Heller oder dunkler gestalten werde. Eines aber ist Allen gemein, daß nämlich die geistige Perspective dem umgekehrten Gesetze wie die materielle folgt. Je mehr wir in die Ferne schauen, desto größer erscheinen uns die Gegenstände, mögen sie nun als Kinder der Nacht oder des Tages vor uns stehen. Man unterscheidet ferner gebräuchlicher Weise zwischen sg. Real- und Jdealpolitikern; jene Hallen sich lediglich an die Thatsachen, und ziehen aus diesen die Folgen und Wirkungen, wie sie sich in der Wirklichkeit gestalten würden; diese gehen von großen Principien und bestimmten Ideen aus, von welchen sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beherrscht ansehen. Die rechte Wirklichkeit entspricht beiden nicht. Die menschlichen Dinge im großen Ganzen werden allerdings von Ideen geleitet und zu Zielen getrieben, die sich als Principien begreifen lasten; aber in seinen einzelnen Gestaltungen hängt der Fortgang von Persönlichkeiten und Ereignissen ab, welche, um zu einem richtigen Urtheile zu gelangen, nicht aus den Augen gelaffen werden dürfen. Die Dinge sind im Augenblicke allerdings dahin gelangt, um die Frage nach den Aussichten nicht als müßig erscheinen zu lasten. Es ist so viel Entscheidendes in dem furchtbaren Kampfe der beiden großen Nationen eingetreten, daß der Erfolg nicht mehr unsicher ist, und man sich daher bewußt oder unbewußt frägt, was für die europäische Welt sich wohl daran knüpfen werde? Und diese Frage ist darum keine müßige, weil einerseits dem bangen, tief erschütterten Herzen irgend eine Befriedigung noth thut, andrerseits die Erwägung