Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1870)
- Date
- 1870-11-08
- Page
- Seite 887 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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887 verließen viele Personen den inneren Raum der Synagoge und spazierten auf dem großen Hofe vor derselben einher. Damals war es noch nicht gestattet, eine Synagoge an der Straße zu bauen, sie mußte hinter Vorderhäusern und Höfen versteckt fein. Da trieben wir Knaben uns auch herum. Trat nun jener Soldat in den Hof, so war er bald der Mittelpunkt der Rangen, und unter diesen gab es Buben genug, welche die Taubheit des Mannes benutzten, um ihn zu necken und allerhand Schabernak ihm zu spielen. Wie es Taube pflegen, gerieth er alsbald darüber in Zorn, suchte sich auf alle Weise zu schützen, ohne daß er jemals zu wirklichen Mißhandlungen der Knaben schritt, und ließ eine Fluth von Worten über seine Lippen strömen, die Niemand verstand, weil sie nicht deutsch waren. Seine heisere Stimme, feine heftigen Gesticulationen und sonderbaren Sprünge ergötzten die Jugend gar sehr, und da sie es ungefährlich fand, ihr Spiel mit ihm zu treiben, setzte sie es um so mehr fort, je heftiger er sich geberdete. Zu meinem Bedauern muß ich es sagen, daß die Erwachsenen sich des Unglücklichen nicht annahmen; sie mochten es wohl als unschädlich ausehen und sich selbst daran amüsiren. Anders ging es mir. Ich hatte den Mann immer so andächtig beten sehen, sein soldatisches Gewand, so schlecht es auch beschaffen war, ließ mich ihn achten unv sein Unglück ihn bedauern. Ich machte mich daran, ihn zu vertheidigen, mich den Knaben zu widersetzen, die ihr Spiel mit ihm begannen. Dies bekam mir Anfangs schlecht, und ich mußte manchen Schlag und Stoß aushalten. Unter der Jugend gewinnt aber der bald eine Partei, welcher kühn und entschieden auftritt. Auch liebt es jene, sich in Parteien zu theilen und den Kampf nach größerem Maßstabe zu führen. So schaarte sich bald eine Liga um wich und eine andere gegen mich, die sich aus dem Synagvgenhvfe auch nach dem Schulhofe verpflanzte und immer weitere Dimensionen annahm. Diese Kämpfe gehörten zum ergötzlichsten Theile unseres Knabenlebens, denn am Ende thun sich die Streitenden dabei wenig zu Leide, und es giebt mehr Geschrei, Gezerre und Gelaufe ab, als wirkliche Beschädigungen. Zuletzt ward der Lärm so groß und so häufig, daß die Lehrer dazwischen traten und mit Strenge die ganze Angelegenheit unterdrückten; sie faßten die Parteiführer ins Auge, und wir waren so genöthigt, die Sache aufzugeben, der wir wahrscheinlich auch schon überdrüssig geworden. Im Laufe dieser Kämpfe war der ursprüngliche Gegenstand längst von uns vergesien, und der taube Soldat, wenn er auf dem Hofe erschien, blieb unbeachtet und ungestört. Derselbe hatte aber wohl gemerkt, wer fein Beschützer gewesen, und sah mich seitdem mit Augen an, aus denen ich die schuldige Dankbarkeit herauszulesen glaubte. Dies machte mich stolz und zuversichtlich. Wir trafen uns aber auch bald auf einem anderen Felde. Wenn das Sabbathgebäck mit dem obligaten Kiddusch-Schlückchen verzehrt war, ging ich mit einigen Kameraden regelmäßig nach der Wachtparade. Ein Theil der kleinen Garnison meiner Vaterstadt exercirte am Samstag in dem an der östlichen Stadtmauer gelegenen „Lustgarten", zog dann, die Militairmusik voran, vor die Wache, dem Schlosse gegenüber, um in militärisch-feierlicher Weise die Wache abzulöfen. Hier versammelte sich das ganze Officiercorps, aus einem Obersten, einem Hauptmann und zwei Lieutenants bestehend, einige Märsche wurden gespielt, die Parole ausgetheilt, kurz, die ganze militärische Etikette streng durchgeführt. Wie sollten wir da wohl fehlen? Aber auch der taube Soldat im grauen Mantel fehlte niemals, und verfolgte mit Kenneraugen sorgfältig die Bewegungen des Militärs. Da trafen wir Beide denn bald zusammen, gingen nebeneinander auf und ab, was sonderbar genug aussehen mochte — der kleine, wohlgekleidete Knabe neben dem über Mittelgröße hinausragenden, dürftig ausstafstrten Manne von brauner Gesichtsfarbe, scharf markirten Zügen, mit langer Nase, funkelnden Augen und pechschwarzem Haare — und unterhielten uns. Ja, unterhielten uns! Das war eine eigene Art. Was ich sprach, hörte er nicht, was er sprach, verstand ich nicht. Durch die öftere Wiederholung des Wortes ltalia merkte ich wohl, denn ich besaß bereits einige geographische Kenntnisse, daß er ein Italiener sei und italienisch spreche. In meiner ganzen Vaterstadt gab es wohl Keinen, der italienisch verstand. Vielleicht studirte einer oder der andere Gelehrte die italienischen Klassiker in seiner Studir stube. Aber solche Gelehrte verstehen in der Regel die lebendige Sprache noch weniger als andere Menschenkinder, und mein Tauber mochte wohl auch nicht das feinste Toskanestsche sprechen. Da er nun eben nicht hören, also auch die deutsche Sprache nicht erlernen konnte, ging er wie ein Taubstummer umher, abgeschlosien von aller Gesellschaft, außer einigen Geberden, durch die er sich mit seiner nächsten Umgebung verständigte. Dies war denn auch das dürftige Mittel unserer Unterhaltung. Ich glaube übrigens, daß dies mehr auf meine geistige Entwickelung gewirkt hat, als wenn wir mit einander hätten sprechen können. Das Sprechen behindert gar zu sehr das Denken, nämlich das tiefere Erfaßen der Gegenstände , die das Wort allzu leicht zum Ausdruck bringt. Meine Einbildungskraft erhitzte sich; sie mußte mir die Dinge in ihrer ganzen und charakteristischen Form vorstellen, um sie durch Geberden andeuten zu können; ich wurde erfinderisch darin. Und wiederuin begegnete ich dem unglücklichen Soldaten in einer dritten Weise. Ich zählte bereits zehn Jahre, als der überaus geliebte und verehrte Großvater durch einen unglücklichen Sturz plötzlich das Leben verlor. Es war wie ein Dvnnerschlag, der uns getroffen. Wir Enkel gingen hinter dem Sarge her und wohnten der Bestattung bei. In unserer Gemeinde war es damals noch Sitte, daß die vorgefchriebene Waschung und Bekleidung der Leiche in einer am Gottesacker befind-