Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1870)
- Date
- 1870-11-08
- Page
- Seite 886 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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886 bring' sie zur Einsicht, daß ihnen Dein Gericht nutze, daß sie sich davor beugen und erkennen, wie gerecht es sei, und ihrer Gebrechen sich entledigen , und Frieden schließen, und im Frieden sich wieder aufrichten, und für alle Zeiten wiffen, daß Volk nicht Volk angreifen und erniedrigen dürfe, daß die Größe nicht in erträumter Macht, sondern nur im Geiste, im Schaffen und Vollbringen für sich und Alle besteht, und der Ruhm, der unvergängliche aus den Schöpfungen sprießt, welche die Arbeit der Nation hervorbringt! Ja, göttliche Vorsehung, darum beten wir, daß alle Völkerstämme der Erde dies erkemnen, und in der Furcht vor Dir bewahrheiten, was Deine Propheten verkündeten in der Vorzeit und was fortlebt als Ziel durch und für alle Zeiten — Amen. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. 1. Jedes große und furchtbare Ereigniß, welches alle Gedanken und Gefühle der Mitwelt in Anspruch nimmt, weckt in älteren Personen zugleich die Erinnerung an frühere Erlebnisse, die mehr oder weniger Aehnlichkeit hatten, oder doch für das wundersame Gefüge des Gedächtniffes einen Anknüpfungspunkt bieten. Mitten unter den aufregenden Bildern der Gegenwart erscheinen da Gestalten einer früheren Zeit, Gestalten von Menschen und Dingen, welche langst aus dem Leben geschwunden und an die wir vielleicht seit Jahrzehenden, seit dem Augenblicke, wo wir sie nicht wiedersahen, nicht gedacht haben. Es ist dies eine Wohlthat; denn die Aufregung des Tages wird dadurch in uns in Etwas unterbrochen und beschwichtigt, und unbewußt gewinnt die Ueberzeugung Raum, das, was um uns geschieht, sei doch nicht so unerhört und einzig, wie wir uns einbilden mögen, und es seien stets Schrecknis e und Abenteuer über diese Erde gegangen, und hätten sich mit ihren Drangsalen und düsteren Wirkungen immer wieder verloren. Ja, das innere Leben des Menschen in Vergangenheit und Gegenwart besitzt einen festen Zusammenhang und bildet eine Kette, in welcher jeder einzelne bedeutende Moment ein Glied derselben, unvergänglich und nur des Augenblickes harrend, wo das Licht des Bewußtseins wieder einmal auf ihn fällt. Und ist es denn um die Menschheit ein Anderes? Da bilden wir uns ein, die Fragen, die Kämpfe, die Siege oder "Niederlagen, die sich um und vor uns abspielen, seien neue Erscheinungen, erst jetzt unter den schweren Wehen der Zeit geboren und großgezogen. Aber dem ist nicht so. Es sind nur Wiederholungen aus früherer Zeit, unter neuen Umständen und mit neuer, fortschreitender Lösung. Der französischdeutsche Krieg, die Siege der Deutschen, die Niederlagen der Franzosen, der Sturz der päpstlichen Herrschaft nach schweren Uebergriffen und Fehltritten derselben, ein einheitliches Italien unter der Protection Frankreichs — sie alle waren schon dagewesen, und — eigenthümlicher Weise — mischten sich für mich in der Erinnerung an eine Person, die ich seit meinen Jünglingsjahren nicht wiedergesehen, und die jetzt auch seit mehr als dreißig Jahren unter dem Rasen schlummert. Sie hat keine wichtige Rolle für mich gespielt; sie war nur eine der zahllosen Figuren, welche an jedem Menschen, der ein etwas bewegtes Leben führt, vorübergehen und nur eine Zeit lang durch Eigenthümlichkeit in Gestalt und Wesen die Theilnahme erregen und für Erfahrung und Erkenntniß einigen Stoff abgeben. Der Umstand, daß die Schicksale dieses Menschen geradezu in die großen Jntereffen der Gegenwart Hineinspielen und uns ein Abbild derselben aus früherer Zeit wiedergeben, mag mich rechtfertigen, wenn ich sie jetzt wiedererzähle. Es würde mir zu großer Freude gereichen, wenn der Leser durch meinen einfachen Bericht sich nicht ungern aus Augenblicke von den Tagesereignissen abziehen ließe. — Als kleiner Knabe war ich gewohnt, am Sabbathvormittag, wenn der Gottesdienst sich zu seinem Ende neigte, aus der Abtheilung, in welcher die Schuljugend unter der Aufsicht eines Lehrers sich befand, hinüberzugehen in die „Männerschul" zum Großvater, der mich segnete und dann mit nach seinem Hause nahm, wo es ein kleines Sabbathgebäck für jedes Enkelchen gab. Großvater war nicht immer schon mit feinen Gebeten zu Ende, und ich hatte dann Muße, die Umgebung mit den scharf beobachtenden Kinderaugen zu mustern. Da konnte es nicht fehlen, daß mir bald einige Reihen hinter dem Sitze des Großvaters ein Mann auffiel, der stets unbeweglich auf seiner Stätte stand und als einer der Letzten die Synagoge verließ. Er kümmerte sich weder um rechts noch links, betete andächtig aus seinem Gebetbuch, klappte dann dasselbe zu und ohne Stellung und Miene zu verändern, bewegten sich seine Augen immerfort, ruhelos über alle Anwesenden streifend. Was mich ihn aber besonders bemerken ließ, war, daß er Winter und Sommer einen alten fadenscheinigen Soldatenmantel und eine Soldatenmütze trug. Für Knaben giebt es nichts Anziehenderes als das Militair, und ein soldatisches Aeußere stößt ihnen einen besonderen Respekt ein. Der Mann mußte ein ehemaliger Krieger sein; seine Haltung stimmte damit überein. Als ich den Großvater um ihn befragte, winkte er mir Stille zu, und sagte leise: „Das ist der taube Soldat!" Es ist eigen, daß die Leute, wenn sie in der Nähe eines Tauben von dessen Gebrechen reden, leise zu sprechen pflegen, als ob der Unglückliche es sonst verstehen könnte. Ich lernte den Mann später näher kennen. An den hohen Festtagen, wenn der Gottesdienst allzu lang wahrte,