Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1870)
- Date
- 1870-11-08
- Page
- Seite 888 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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lichen Halle vorgenommen, und der eigentliche Sarg aus rohen Brettern daselbst zugeschnitten und zusammengefügt wurde. Während dieser Verrichtungen saßen wir Kinder auf einer steinernen Bank draußen an der Halle, einem tiefen Schmerze hingegeben. Es war ein rauher Novembernachmittag; die grauen Wolken fuhren am düsteren Himmel hin und stoßweise heulte der Wind um die Halle und trieb die welken Blatter der nahestehenden Obstbaume über das weite Gräberfeld hin. Da trat der taube Soldat an mich heran, ergriff meine Hand, drückte sie, und seine Mienen und Geberden sprachen so lebhaft zu mir, daß ich den regen Antheil, den er an mir nahm, und seine Versuche, mich zu trösten — als vaterlose Waise hatte ich an dem Großvater mehr verloren, als die anderen Enkel, was ich wohl fühlte, wenn auch nicht begriff — recht gut verstand. Als die Bestattung vorüber war, führte er mich in das weitläufige Haus des Todtengräbers, der zugleich Küster und Diener der Gemeinde war, und in eine Kammer, in welcher er, der taube Soldat, wohnte. Er bot mir da einige schöne Aepfel an, die ich auch annahm. In der Ecke hatte er einen Schemel und einen kleinen Tisch und ich sah sofort, daß dies feine Werkstatt und er ein Schuhmacher fei. Nun, weit mochte er es in seinem Handwerk nicht gebracht haben; er flickte für die zahlreiche Familie des Todtengräbers und für einige arme ifeute, die in der Nähe des Friedhofes wohnten, das «Lchuhwerk und mit diesem kleinen Erwerbe füllte er die großen Lücken aus, welche die Benifizien der Gemeinde in seinem Unterhalte ließen. Dieses Haus war nämlich das sogenannte Heldisch, in welchem die armen durchreisenden Juden übernachteten und namentlich während des Sabbaths und der Festtage verweilten, selbstverständlich ohne etwas für die Herberge zu zahlen. Auch hatten hier einige arme, ganz heruntergekommene Greise und unschädliche Geisteskranke ihre sehr armselige freie Wohnung. Weiter kümmerte sich Niemand um sie; sie erhielten wöchentlich einige Groschen aus der Gemeindekaffe und mochten nun zusehen, wie sie mit Hülfe der Privatwohlthätigkeit durchkamen. Mein guter Freund nahm von Niemandem etwas an und ersetzte es, so gut es ging, durch seine Arbeit. So erfuhr ich mit der Zeit, wieso er hierher gekommen, auf welche Weise er, der Sohn eines fernen Landstriches, hierher verschlagen worden. Es waren bereits zehn Jahre vergangen, als er Sergeant in einem italienische französischen Regiments im Frühling des Jahres 1813 aus Spanien nach Deutschland marfchirt war. (Fortsetzung folgt.) Curiosum. In der am 10. October abgehaltenen Katholikenversammlung zu Mecheln, um gegen den Sturz der päpstlichen Herrschaft zu protestiren, hielt der Erzbischof von Mecheln, Herr Dechamps, eine sehr beredte Rede. In derselben kommt eine Stelle vor, die wir hier hervorheben wollen. Nachdem er geschildert hatte, wie die Römer die Götter aller heidnischen Völker auf dem Kapitol versammelt hatten, und gerade durch diese Bereinigung diese machtlos geworden (ils s’evanouirent), fährt er fort: „Und dann erschien in dem weiten römischen Reiche, das von diesen Göttern leer geworden, der einzige Gott'. . . . und durch eine wunderbare Fügung der Vorsehung wurde die kleinste der Nationen, deren geraubte Heiligthümer im Capitol vereinigt warm, die Nation Christi, belohnt dafür, daß sie über die Einheit Gottes bester, heiliger gedacht hatte, sie wurde, sage ich, dafür belohnt, indem sie sich auf den Thron der Welt, zur Seite des großen Konstantin, setzte." Unter dieser kleinen Nation, deren heilige Gerüche Titus nach dem Capitol gebracht, wie aus seinem Triumphbogen noch heute zu sehen ist, kann der Herr Erzbischof nur die Juden verstanden haben, welche der Welt den einzigen Gott gelehrt. Aber welch' eine geschichtliche Unwahrheit, daß diese Nation sich zur Seite des großen Konstantin auf den Thron der Welt gefetzt, während dieser große Konstantin derjenige war, welcher die Ausschließung und Beschränkung der Juden begann und hiermit in die Welt gebracht hat! Versieht aber der Erzbischof die christliche Gemeinde darunter, so ist dies wieder eine geschichtliche Unwahrheit, denn diese bestand damals bereits aus der Mehrheit des römischen Volkes, sonst hätte der schlaue Konstantin sich schwerlich auf ihre Seite geschlagen, er, der dennoch sich erst viel später zur wirklichen Taufe entschloß. Mit welchem Rechte könnte der Erzbischof die Reste der jüdischen Heiligthümer als der Christengemeinde gehörig ausgeben? Wie es schließlich mit der Einzigkeit Gottes im katholischen Dogma aussah, braucht nur angedeutet zu werden. Die emphatische Ausdrucksweise des Erzbischofs ist jedenfalls eine Curiosität. Ueberhaupt wäre eine kritische Analyse dieser Rede sehr interessant, gehört aber nicht zu unserem Bereiche. Verlag von Danmgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Berantwortticher Redakteur Dr, H. Lotze.