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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-08 · Heft 45 (8.11.1870) · p. Seite 885

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 45 (8.11.1870)
Date
1870-11-08
Page
Seite 885 (sequence 13)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Beilage M Nr. 45. Leipzig, den 8. November 1870. Gebete während des Krieges. XVII. Herr! unsere Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, unsere heißen Wünsche sind unerreicht — ob Sieg auf Sieg unsere tapferen Heere krönt, Erfolg auf Erfolg ihrem Muth, iher Ausdauer entspricht — der Feind will den Frieden nicht, denn er will ihn nur, wenn wir ohne Ersatz für unsere Opfer, ohne Bürgschaft für die Zukunft zurückgehen in unsere früheren Grenzen, daselbst seiner immer wiederholten Angriffe, seines nie erlöschenden Durstes nach unseren Landen zu harren! .... Es ist tief betrübend: ein Wahnsinn hat sich einer ganzen, großen Nation bemächtigt! Da ist keine Vernunft und Einsicht, da ist keine Demuth und Selbsterkenntniß — da ist nichts als Selbstverblendung und Eitelkeit. Nein, es ist kein Math und keine Verzweiflung, keine Vaterlandsliebe und Selbstaufopferung — das sind Alles nur Worte bei ihnen — es ist Alles nur die Kränkung der Ruhmsucht, die Verletzung der Herrschgier, nur die eine Wunde blutet in ihrem Herzen: daß sie die Obmacht über die Völker, den Glanz der größten und erlauchteisten Nation verlieren sollen!... Ob ihr Volk dem gänzlichen Ruin verfällt, was fragen sie danach — ob Armuth, Elend, Untergang über Provinz nach Provinz, über Stadt nach Stadt, über das ganze weite Land sich breiten, was kümmert das sie — immer neue Haufen des Volkes in Tod und Verderben geschleudert, immer mehr Haß ausgestreut, immer , mehr Verbrechen für recht erklärt — nur die Herrschaft in den Händen behalten und dem wirbelnden Wahnsinn gehuldigt. Wenn jene Führer edel und ihr Wille rein wären, warum häufen sie Lüge auf Lüge? warum verkünden sie dem Volke nicht die Wahrheit über die Ereigniffe? Wenn daS Volk vernünftig und wahrheitsliebend wäre, warum glaubt es diesen Spiegelfechtereien, so oft es nun auch schon deren Falschheit und Trug erfahren hat? O es ist schrecklich, es ist der Wahnsinn, ein Größeuwahnsinn, der sich Aller, Aller bemächtigt hat, und sie treibt und spornt und im Wirbel herumjagt, und so kann kein Friede kommen zwischen diesen Nationen, und der verderben - schwangere Kampf dauert fort! Eine große Beste, die größte, ist wieder gefallen, und Hunderttausende haben sich zu Gefangenen ergeben. Wir können für unfern Sieg Dir, Lenker der Geschicke, danken — aber seiner nicht froh werden, nicht jubeln darob. Denn erst mußten Hunger und Seuche all diese Unzahl von Menschen ergreifen, niederwerfen, peinigen und in Mafien in's Grab werfen — erst mußten die Unsrigen Monde lang in Entbehrung, Mühsal, preisgegeben den Unbillen des Wetters, Krankheiten und Uebeln aller Art, unter blutigen Kämpfen, in Wachen und Harren verbringen, bevor die stolzen Feinde sich ergaben . . . Und nun? Beugen sie sich vor diesem abermaligen, großen Schlage? Nein, sie träumen noch immer von Sieg, sie rasen weiter in der Zuversicht nahen Triumphes — und ob ihre glänzende Hauptstadt selbst umringt, eingeschnürt, umfeffelt und den zerschmetternden Blitzen der Geschoffe ausgesetzt daliegt — sie wollen den Frieden nicht, sie wollen kein Opfer, kein Bekenntniß der Niederlage, sie wollen nicht willigen, wozu sie die anveren Völker seit Jahrhunderten so oft gezwungen, um Frieden zu erhalten! O Gott, so heile den Wahnsinn dieses Volkes, der ihm so großes Verderben, uns so großes Leid bereitet! Laß den Nebel schwinden von ihren Geistern, zerreiße den Vorhang, der vor ihre Einsicht sich gelegt. Und dann, gieb dieser Nation die Kraft, nicht mehr auf die Stimme ihrer Verführer zu hören, von sich zu stoßen endlich die Hand ihrer falschen Leiter, all derer, die sickverschworen haben, sie zu beherrschen, und um deffentwillen sie verderben! Ach, sie bedienen sich der erhabensten Begriffe der Menschen, um das Volk zu bethören, sie rufen die Freiheit an, und üben Gewalt, das Recht, und treten es mit Füßen, die Wahrheit, und spinnen Lüge. So kränken und schädigen sie zugleich die ganze Menschheit, denn sie bringen das Edelste in Verruf, und verunehren die höchsten Ziele Deiner Erdenkinder, die nach diesen streben und ringen. diein! wir flehen nicht mehr um Dein Gericht, denn dies ist ergangen in Fülle — wir beten, daß sie, die Dein Gericht getroffen, es endlich erkennen, es sich in ihrem Wahnwitz nicht mehr verbergen — wir flehen,

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