Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1870)
- Date
- 1870-11-08
- Page
- Seite 874 (sequence 2)
- Language
- German
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874 war, sondern in vielen Soldaten jüdischen Glaubens lebte, nur daß die Scheu der Untergebenen vor den Vorgesetzten und das nicht rechtzeitig erwirkte Verständnis der einzelnen Militärs den sactischen Ausdruck behinderten. Das Recht, unsrerseits fortan diese Forderung an die Staatsregierung zu stellen, ist hiermit vollständig begründet und auch die Aussicht eröffnet, daß jener in Zukunst Genüge geschehen werde. Man vergesse hierbei nicht, daß es sich nicht allein um den Gottesdienst handelt, der gerade in Zeiten der Gefahr und außergewöhnlicher Mühsal dem Herzen unentbehrlich ist, sondern auch um die Wirksamkeit des Geistlichen für Verwundete und Sterbende. Jemanden zu wessen, der sich des Einzelnen in materieller wie in geistiger Beziehung anzunehmen geneigt und gewillt ist, in den Stunden der Schmerzen und des Todeskampfes Jemanden bei sich zu haben, der Worte des Mitgefühls und des Trostes an den Leidenden richtet und die Stelle jener Theuren ersetzt, die in weiter Ferne sind, das ist in den einzelnen Fällen von unendlichem Wertste. Dasielbe Ereigniß hat aber auch die Frage der Möglichkeit entschieden. Bekanntlich wurde von Regierungs Seiten eingewendet, daß die jüdischen Soldaten in den preußischen und deutschen Heeren zu sehr zerstreut seien, daß an gottesdienstliche Bereinigungen nicht zu denken sei, daß bei deren Vereinzelung in den Corps und Regimentern eine wirksame Seelsorge nicht möglich sei. Dieser Einwand konnte von vornherein nur als scheinbar angesehen werden, da es Gegenden giebt, wo die Juden doch in so großer Zahl wohnen, daß in den Regimentern, die von dort aus recrutirt werden, die Zahl auch der jüdischen Soldaten nicht allzu gering sein muß. Die Provinz Posen z. B. oder eine Gemeinde wie Berlin, muß für ihre Regimenter eine verhältnißmäßig bedeutende Zahl jüdischer Soldaten stellen. Wäre der gegenwärtige Krieg nicht so durchaus plötzlich über uns gekommen, so hätte man Zeit finden können, diesem Einwande mit Zahlen in der Hand entgegen zu treten; man brauchte z. B. nur die Vorstände der betr. Gemeinden aufzusordern, die Zahl der aus ihrer Gemeinde eingetretenen Soldaten zu ermitteln. Dadurch aber, daß in der That bei dem ersten Armeecorps des vor Metz liegenden Heeres und in der Synagoge des Rothschilv'schen Schlosses Ferriöres vor Paris ein Gottesdienst am Jom Kippur stattfand, wurde jeder Einwand der Unmöglichkeit beseitigt. Was bei diesen zwei Armeecorps möglich war, kann es bei allen, und wenn nicht zufällig bei diesen beiden allem die Anregung und Anordnung, und zwar in allzu kurzer Zeit vor dem Dersöhnungstage stattgefunden hätten, so würde die Betheiligung eine viel größere gewesen und der Gottesdienst auf viel mehreren Puncten der deutschen Heereslager stattgefunden haben. Bon einem königlichen Erlasse an alle Armeecorps, wie ein jüdisches Blatt angab, hat nichts verlautet. Es wird nicht verlangt werden können, daß bei jedem Regiment«: ein jüdischer Feldgeistlicher angestellt werde; wohl aber, daß ein solcher bei jeder größeren Heeresabtheilung sich rorsinde. Selbst nur drei früher Männer bei dem gesammten Heere können, wenn sie ihrem Berufe mit Eifer und Selbstaufopferung ergeben sind, auf's segensreichste wirken, und bei genügender Verständigung abwechselnd bei den einzelnen Armeecorps fungiren. Kommt es doch nur darauf an, daß von Zeit zu Zeit bei jeder Abtheilung gottesdienstliche Handlungen verrichtet werden. Die Erfahrung wird dann das Weitere in die Hand geben und regeln. Es ist einsichtlich, daß es während der jetzigen Kriegszeit nicht möglich ist, hierfür Beschlüsse und Anordnungen hervorzurufen; hoffen wir ja auch, daß binnen weniger Wochen der ersehnte Friede unsere Söhne und Brüder zum heimischen Heerde zuruckführen werde. Jedoch die Hoffnung, daß ein dauernder Friede uns der Sorge für den Gegenstand, den wir besprechen, überheben werde, wird uns nicht abhalten dürfen, zur rechten Zeit dafür einzutreten. Denn wer kann den Gang der Dinge in der Zukunft voraussehen? Sobald daher nach dem Abschluß des Friedens die großen allgemeinen politischen Fragen abgethan fein werden und eine ruhigere Zeit eingetreten ist, werden wir diesen Gegenstand bei der Staatsregierung und nöthigenfalls bei dem Reichstage zur Sprache bringen, schon jetzt aber alle nöthigen Daten zu sammeln beginnen, durch welche die Angelegenheit in ein klares Licht gestellt und begründet werden kann. Aufforderung zu Unterstützungen für -re verunglückten Israeliten in Ztraßtmrg und Metz. An den furchtbaren Wirkungen der Belagerung von Straßburg und Metz haben auch die zahlreichen Israeliten beider Städte ihren schweren Antheil zu tragen.