Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-01 · Heft 44 (1.11.1870) · p. Seite 871

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 44 (1.11.1870)
Date
1870-11-01
Page
Seite 871 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226789--28880-3302744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

871 neu, wenn er nicht ein Geheimniß, Vas ihn schwer niederbeuge, der Welt kund thue. 2m August des Jahres 1867, fahrt er dann fort, kam Jakob Schwarz, Goldarbeiter aus Pest, den er feit seiner Jugendzeit kannte, nach Wien, um daselbst Goldabfälle zu verkaufen und für deren Erlös Edelsteine einzukaufen. Der anonyme Briefschreiber wies ihn an einen sicheren Rosenberg, der sich mit dem Ein- und Verkauf von Edelsteinen befaßte. Die beiden schlossen wirklich ein Geschäft im Betrage von 800 fl. ab und begaben sich hierauf mit dem Einsender in ein Bierhaus auf dem Alsergrund. Heiter und guter Dinge wurde dort gezecht, und da es. als sie das Bierhaus verließen, schon spat war, nahm Schwarz, der nicht gerne in sein Hotel zurückkehren mochte, das Anerbieten des Rosenberg, bei ihm zu übernachten, an. Der Schreiber und Rosenberg wollten sich eben auch zu Bette begeben, — Schwarz hatte sich früher niedergelegt — als der letztere laut aufschrie. Sie eilten an sein Bett und fanden ihn — entseelt. Sie begossen ihn mit Wasier, ftottirten ihn. wandten alle möglichen Wiederbelebungsversuche an, alles umsonst — Schwarz war todt. Es war 11 Uhr Nachts, Beide fremd in Wien, scheuten sich, der Polizei Anzeige zu machen. um nicht den naheliegenden Verdacht eines Raubmordes zu erwecken. In ihrer rathlosen Angst ergriffen sie die Leiche, hüllten sie in Packpapier und grobe Leinwand, und banden sie mit Stricken, um ihr die Form eines Waarenballens zu geben; sie riefen hierauf einen Fiaker und bedeuteten ihm, sie auf die Fisckerzeile zu führen, dort angelangt, ließen sie halten und warfen den Leichnam in die Donau. Dem Fiaker wollten sie 5 fl. bezahlen, dieser aber wies das Geld mit den Worten zurück: „Ich sehe schon, daß hier etwas Besonderes vorgeht; wenn mir die Herren nicht mindestens 100 fl. geben, schlage ich Lärm und zeige den Vorfall der Polizei an." Nach längerem Unterhandeln gaben ihm die Beiden 40 fl. In die Wohnung des R. zurückgekehrt, zerschnitten sie die feinen, schwarzen Kleider des Schwarz in kleine Stücke und warfen sie in den Abort; in den Taschen fanden sie, nach der Angabe des Schreibers, eine braunlederne Brieftasche mit einem Inhalte von 4 fl. 36 kr., zwei Ringe und eine goldene Busennadel, welche Gegenstände sich Rosenberg, der mit dem Tode abging, aneignete; außerdem das dem Briefe beigelegte Taschentuch und die Factura. Der unbekannte Correspondent versichert noch, daß er es sich habe angelegen sein lasten, zu erfahren, ob die Leiche etwa vom Wasser ausgeworfen worden sei, doch gelangte hierüber nichts zu seiner Kenntniß. Der Briefschreiber meint, er werde sich vor seinem Gotte, vor dem er bald erscheinen werde, rechtfertigen und ermahnt den Oberrabbiner seine Pflicht zu erfüllen, da ein junges Weib seit drei Jahren das Verschwinden ihres Gatten betrauert und die Ungewißheit schmerzlicher sei, als die schrecklichste Gewißheit. Zum Schlüsse sagt der anonyme Briefschreiber, der Rabbiner werde nicht erwarten, daß er ihm nach so delicaten Mittheilungen seinen Flamen nennen werde, theilt jedoch mit, daß sein Vorname „Juda Leb" sei, daß sein Vater Nißan hieß, der sich eine längere Reihe von Jahren in Altofen aufhielt, und daß er selbst ein Jünger des berühmten Altofner Rabbiners Moses Müne war. Soweit der Brief. Herr Oberrabbiner Hirsch konnte nichts Anderes thun, als das Schreiben im Einvernehmen mit dem Gemeindevorstande dem Borstande der jpefter israelitischen Kullusgemeinde zu übermitteln, da -schwarz in Pest zuständig war und auch feine Gattin und deren Familie daselbst noch gegenwärtig ihr Domicil haben. Beobachtungen aus der Zeit. Es geht in diesen Tagen stark das Gerücht, Napoleon UI. würde von König Wilhelm wieder auf den Thron gesetzt. Es kann sein: es kann sogar eine politische Nothwendigkeit vorhanden sein, wenn in Frankreich Alles zerfahren und gar keine Regierung vorhanden wäre, mit der sich ein Frieden schließen ließe. Aber das sinliche Gefühl, das schon des Exkaisers Versetzung auf die Wilhelmshöhe und feine dortige Behandlung schwer verletzte, würde darob empört werden. Doch gemach, vielleicht würde dies die größte Strafe für Napoleon und Frankreick» sein — was würde letzteres durch seinen abermaligen Kaiser. und was schließlich dieser in Paris zu leiden haben! Auch 'Napoleon l. kam zu einer nochmaligen kurzen Herrlichkeit, und endete — in St. Helena. Unsere Zeit har wieder sehr heidnische'Neigungen. Sie kann sich der Erkennrniß göttlicher Vergeltung nicht entziehen. Gerade unsere Tage bezeugen sie so laut, die einschlagendsten Beispiele folgen sich so schnell, daß Niemand sich davor verschließen kann. Dennoch wird es Bielen, Bielen gar zu schwer, das Wort „göttliche Vergeltung". ja nur „Vergeltung" auszusprechen, und sie behelfen sich lieber mil — „Nemesis". Aber was versteht Ihr denn unier Nemesis? Eine blinde Zufälligkeit doch nicht? Eine nothwendige Folge, unausbleibliche Wirkung einer Ursache auch nicht. Also eine absichtliche, beabsichtigte, mit bestimmten Gedanken herbeigeführte Vergeltung, und diese — kann nur von Gott her- Das französische Sprüchwort „wer sich entschuldigt, klagt fick an" — ist nickt richtig. Gar zu oft kommt der Unschuldige dazu, sich entschuldigen zu münen. Aber wer sich viel entschuldigt, wer sehr vieler Worte zu seiner Rechtfertigung sich bedient, wer nicht Gründe genug aufhäufen kann und immer wieder darauf zurückkommt — der ist schwerlich schuldlos. Das Gefühl der Schwäche bringt dahin, sich mit Worten stark zu machen. Wer zur Rechtfertigung seines Verfahrens kurz, energisch, be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.