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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-01 · Heft 44 (1.11.1870) · p. Seite 872

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 44 (1.11.1870)
Date
1870-11-01
Page
Seite 872 (sequence 16)
Language
German
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872 stimmt spricht und schreibt, der fühlt sich im Rechte. Neuere Staatsschristen erweisen dies zur Genüge. Nicht der Krieg ist eine Schmach unseres Jahrhunderts — denn warum sollte sich nicht immer wieder ein Volk finden, das sich dazu hergiebt, seine Nachbaren, die an Besitz und Einfluß wachsen, anzufallen — wohl aber, daß die übrigen Staaten nicht die moralische Energie besitzen, dem Ausbruch des Krieges ihr Veto entgegenzusetzen. Herrsch- und Habgier werden in Fürsten und Völkern, weil in den Brenschen überhaupt, immer vorhanden sein. Es kommt daher darauf an, die Befriedigung derselben unmöglich zu machen. Es wäre aber wohl Aller Bortheil, zu verhindern, was Allen Schaden bringt. Doch die kleinliche Gesinnung und die engherzigen Motive, welche die europäischen Staatsmänner leiten, halten sie davon ab, den Ausbruch von Kriegen durch vereintes Handeln oder auch nur durch das Dazwischentreten einer Großmacht zu verhindern. Der Eine denkt, es ist bester, daß sich zwei ehrgeizige Mächte gegenseitig schwächen; der Andere hofft, wenn sie sich geschwächt haben, Vortheile für sich zu erlangen; der Dritte will kein solches Beispiel aufgestellt haben, weil er selbst an Eroberungen denkt. Dies ist nach unserer Meinuug der dunkle Flecken unserer Zeit, der Krieg selber ist nur eine Folge davon. Curiosum. Wir entnehmen einem Pester Blatte Folgendes: Am verflogenen Jom Kippur befanden sich der gefeierte Schauspieler Sonnenthal und der Director des Theaters an der Wien Steiner nebeneinander zum Gottesdienste im Tempel. Beide hatten sich schon früher einmal kennengelernt, und dies wird so erzählt: Bor Jahren kam ein blutarmer Schauspieler nach Temesvär, um an der dortigen Bühne sein Glück zu versuchen. Er stellte sich dem Leiter des Thespiskarrens vor unv erlärte demselben, daß er Alles spielen könne. Der Director musterte den stattlichen jungen Mann und da er nichts dabei zu riskiren glaubte, sagte er: Nun gut, ich möchte gern den Don Carlos austühren, das Stück könnte mir einige Gulden eintragen, wollen Sie den Don Carlos spielen? Mit Freuden schlug der wandernde Mann ein, doch zuckte er schmerzlich zusammen, als der Director mittheilte, er habe kein Kostüm, das müste sich der Gast selbst schaffen. Voll Sorgen schlich der angehende Künstler davon. Woher sollte er ein Don Carlos-Kostüme nehmen? Seine ganze Habe bestand in einem fadenscheinigen Fracke und den unumgänglich nothwendigen Reiterstiefeln. Im Frack konnte er doch nicht den Don Carlos spielen! Und er hätte sich so gerne den Theaterfreunden von Temesvär im glänzendsten Aufzuge gezeigt! Bon diesen Gedanken gequält, strich er durch die Straßen und blieb plötzlich vor einem Tuchladen stehen, desten Auslagekasten die vielfarbigsten Tücher zierten. Da wäre der nöthige Stoff für den Don Carlos zu finden gewesen! Und dies denkend trat er fast unbewußt in den Laden und schreckte durch seinen Dröhnenden Heldentritt einen Commis, der hinter dem „Buddel" saß, aus seiner Lectüre auf. „Womit kann ich dienen?" redete den Eintretenden der Commis an. Der Manu, um einen Anknüpfungspunkt des Gespräches verlegen, siel ein: „Ich habe Sie in der Lectüre gestört, was haben Sie Schönes gelesen?" „Ah nichts, erwiederte der Verkäufer, — den „Don Carlos", der Director hat mir, weil er weiß, daß ich ein großer Theaterfreund bin, herübersagen lasten, daß er übermorgen den „Don Carlos" giebt und da Hab' ich schnell das Buch aus der Leibibliothek holen lasten." „Mensch, Kunstfreund!" rief der Schauspieler, „Du kannst mein Retter sein. Ich bin der Don Carlos. Aber nie kann ich den Don Carlos spielen, wenn ich kein Kostüme habe! Da sehe ich die schönsten Tücher, nur einige Ellen und Arm in Arm mit Dir Fordere ich das Jahrhundert in die Schranken!" Der Commis ließ sich bewegen, dem Kunstbefliffenen einige buntfarbige „Reste" auf Ehrenwort auszuliesern, und selig ging er nach Hause und setzte sich nieder, um sich das Kostüm eigenhändig zuzuschneiden und anzufertigen. Der Schneider und Künstler in einer Person war Herr Sonnenthal, jetzt die Zierde des Burgtheaters, und der gutmüthige Commis, der schon damals den Schauspielern Credit gewährte, schwang sich nachher zum Director des Theaters an der Wien empor. Der „Nürnb. An;." enthält Folgendes: Das ultramontane „Tiroler Bolksblatt" liefert in einem mit „Wer regiert anheute" überschriebenen Gedichte folgende Anfangs- und Schlußstrophe: Wer schaltet und wer waltet Anheut' in jedem Reich? — Nicht Kaiser und Minister Noch hoher Rath zugleich. Die Loge und der Jude Regieren alle Welt; Die Loge nimmt den Glauben, Der Jude nimmt das Geld! Das gottesfürchtige Blatt hat vergeffen, eine Strophe anzureihen, etwa folgenden wahren Inhalts: Doch ärger als die Beiden Treibt es die Pfaffenzunst; Die nimmt sammt Geld und Glauben Den Menschen die Vernunft. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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