Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1870)
- Date
- 1870-11-01
- Page
- Seite 864 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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864 am obbezeichncten Abende. Den sehnlichst gewünschten Anlaß;um Losstürmen fanden die hiesigen christlichen Bürger unter Anführung ihres Bürgermeisters in einem Wortwechsel zwischen dem hiesigen Herrn Pfarrer und einem hiesigen jüdischen Insassen, welcher bei Gelegenheit, als ihn der Erstere mit „Du" anredete, cs in ähnlichem Tone erwiderte, welche Beleidigung des Herrn Pfarrers der Bürgermeister mit seinen Rathen durch unverzügliche Niederschlagung und Ausrottung aller hiesigen Juden zu rächen beschlossen, zu welchem Zwecke dieselben fast die ganze hiesige christliche männliche Bevölkerung zum Sturme organisirten. Die Tumultanten belagerten den Ringplatz, vernichteten die daselbst angetroffenen, den Juden angehörenden Feilschaften, griffen die ihnen begegnenden Juden mit Knütteln, Keulen, Grabschaufeln an und bewarfen dieselben mit Steinen; da die Angegriffenen mit bedeutenden Verletzungen sich in die Häuser flüchteten und diese absperrten, warfen die Excedenten die Fenster fast aller jüdischen Häuser ein. Das nicht noch Aergeres geschah, ist blos dem energischen Einschreiten des hiesigen Herrn Bezirkshauptmannes v. Kadyi, zu verdanken, welcher nach erhaltener Anzeige sich mit Gendarmen auf den Kampfplatz begab, mit eigener Gefahr Blutvergießen verhinderte, die Tumultuanten auseinanderjagte, zahlreiche Verhaftungen vornahm und noch in selber Nacht aus der nahen Stadt Wojnicz Militär herbeiholtc. Leider aber hat das hiesige k. k. Bezirksgericht sämmtliche ihm von dem Herrn Bezirkshauptmanne übergebenen Excedenten freigelassen, wodurch die Gährung unter der christlichen Bevölkerung aufs neue noch heftiger beginnt. Wir bitten höflich, diese Mittheilung in Ihr geschätztes Blatt aufzunehmen. Mit Hochachtung Der Jsraeliten-Gemeindevorstand in Brzesko. Brzesko, 14. October 1870. B. Florentz. M. Grauer. Pest, 16. Oktober. (Privatmitth.) Herr Nathan Fischer, bisher Lehrer an der Musterhauptschule. wurde von der hiesigen isr. Religionsgemeinde zum Director ihrer Mädchenlehranstalt berufen. Uughvür, 14. Octbr. «Privatmitth.) Die hiesige städtische Repräsentanz hat in ihrer Plenarberathung vom 11. October das Gesuch der dorttgen israelitischen Fortschrittsgemeinde um Bewilligung eines Grundes zum Baue eines Tempels gegen eine entsprechende Entschädigung dahin erledigt, daß sie den fraglichen Baugrund ohne jedweden Anspruch auf Entschädigung obgenannter Gemeinde zur Verfügung stellte. Dieser, Repräsentanz wie Gemeinde gleich ehrende Beschluß, den der seiner wahren Freisinnigkeit und Toleranz wegen im Ungher Comitate allgemein geachtete prot. Geistliche Daniel Makkay beantragte, wurde mit Acclamation einstimmig gefaßt. Frankreich. Aus dem Elsaß, 20. Ott. (Privatmitth.) Wie Ihnen bereits bekannt sein wird, hat der deutsche General-Gouverneur unserer Provinz an die katholischen, protestantischen und jüdischen Geistlichen die Erklärung ergehen lassen, daß sie in ihren Pflichten und Rechten wie bisher verbleiben und ihnen ihre Gehälter ausgezahlt würden. Würden sie sich auf der Kanzel, in der Schule oder Seelsorge polittsche Ausschreitungen erlauben, so würden sie nach den Militärgesetzen gerichtet werden. Wir glauben daher, daß, auch wenn Elsaß und Deutsch-Lothringen preußisch werden, die bisherigen Verhältnisse der verschiedenen Confessionen zum Staate vorläufig keine Aenderung erfahren werden, und so auch wenigstens die gegenwärttgen Rabbinen und Cantoren die ihnen aus Staatsmitteln zukommenden Revenuen nicht verlieren. Ob es späterhin mit den hiesigen israelittschen Eonsistorien ebenso gehen werde, wie mit den ehemaligen rheinischen, kann man selbstverständlich jetzt nicht absehen. — Was die Stimmung der Juden in diesen beiden Provinzen im Allgemeinen betrifft, so ist sie ganz dieselbe wie in der christlichen Bevölkerung. Was auch die Zukunft bringen mag. gegenwärttg ist der Schmerz, von Frankreich losgeriffen zu werden, sehr tief. Ich habe manchen elsässischen Juden bei diesem Gedanken in heftiges Weinen ausbrechen sehen. Findet auch bei der christlichen Masse noch manches gehässige Vorurcheil gegen uns statt, so hielt doch die Regierung stets mit starker Hand unsere Rechte in völliger Gleichheit auftecht, und, mögen wir nun hier recht oder ungenau unterrichtet sein, man traut dies den deutschen Regierungen in gleichem Maße nicht zu, sondern hat genug davon