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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-01 · Heft 44 (1.11.1870) · p. Seite 860

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 44 (1.11.1870)
Date
1870-11-01
Page
Seite 860 (sequence 4)
Language
German
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860 des Tagesabschnittes und die Haphtara aus Jesaias. Anknüpfend an den verlesenen Vers über den Tod der Söhne Arons beleuchtete ich das Wesen jener hohlen Begeisterung, welche zum Untergange fuhren muffe, weil sie ohne Sittlichkeit und Religion, nur aus dem „fremden Feuer," aus der Sucht nach eitler Größe und falscher Gloire entsteht, während der ächten, wahrhaften Begeisterung, die aus dem Streben nach Recht, Wahrheit und Liebe hervorquillt, der Sieg nie außbleibt. Da unter den Anwesenden mehrere sich befinden, welche in den Schlachten gefallene Krieger betrauerten, sprach ich noch über die tiefe mustergültige aber stille, gottergebene Trauer Arons bei dem Tode seiner geliebten Söhne. Es fand übrigens wie üblich nach Schachris eine Seelenfeier iHaskoras N'schemos) statt, in welche ich noch ein besonderes Gebet für die gefallenen Krieger einschaltete. Rach dem Musaphgebete verblieb noch eine Anzahl zurück mit Gegenständen der Andacht sich beschäftigend. Um 3 Uhr fand sich die fromme Schaar wieder ein mit Ausnahme von wenigen, welche sich schon zum Borpostendienste für den folgenden Tag bereit halten mußten. Wir beteten sämmtliche Gebete von Mincha und N'ilah; ein Unterofsicier war auf sein Verlangen Borbeter für Mincha und ich für N'ilah. Nachdem der Gottesdienst mit Sonnenuntergang beendigt war, richtete ich an die Anwesenden noch einige Worte der Anerkennung für die fromme, lebhafte Betheiligung am Gottesdienste, der mir selbst eine theure Erinnerung für's ganze Leben sein werde. Hierauf ergriff Herr Hirschberg, Bicefeldwebel aus Culm, dem, wie ich hörte, die Ernennung zum Lieutenant bevorsteht, das Wort, und drückte mir im Namen seiner Kameraden den herzlichsten Dank aus. Ich wurde beauftragt, Großh. Stadtrabbinat den Dank aller Anwesenden zu überbringen. Es sei ihnen schon längst ein Herzensbedürfniß gewesen, in einer Stunde gemeinsamer Andacht ihr bedrängtes Herz vor Gott auszuschütten; sie hätten jetzt dem Drange ihres Herzens genügt und würden in freudiger Stimmung und mit ruhigem Gewissen der Zukunft entgegengehen. Im Namen sammtlicher Kameraden wurde ich von Herrn Hirschberg ersucht, einen Gottesdienst für das 1. Armeecorps bald wieder abzuhalten. In gehobener Stimmung trennte sich die andächtige Schaar. Am folgenden Tage den 6. October machte ich Sr. Excellenz dem Generale v. Manteuffel Anzeige über den stattgefundenen Gottesdienst, und indem ich demselben Seitens meiner und der isr. Soldaten ebenso innig wie ergeben Dank abstattete, trug ich ihm das Verlangen der letzter« nach baldiger Wiederholung eines Gottesdienstes vor. Herr v. Mannteuffel nahm meine Miltheilung sehr freundlich entgegen und äußerte seine freudige Befriedigung. Er beauftragte mich, Großh. Stadtrabbinat seinen Dank für meine Sendung zu überbringen. Den ferner» Gottesdienst betreffend, frug mich Herr v. Manteuffel, wann ich denselben zu halten gedenke, er erachte jedoch in Anbetracht der Verhältnisse einen solchen erst nach Ablauf von drei Wochen für thunlich. Auf Weisung des Herrn v. Manteuffel wurde mir auch für die Rückreise freie Fahrt gewährt. Großh. Stadtrabbinat wolle gütigst die Ausführlichkeit meiner ergebenen Mittheilungen entschuldigen und mir noch einige Schlußbemerkungen gestatten: Niemand, der die Gemüthsverfaffung der isr. Soldaten aus eigner Erfahrung kennen gelernt, wird die Dringlichkeit der Anstellung von jüdischen Feldgeistlichen bestreiten können. Es fehlt freilich nicht an solchen, deren religiöser Jndifferentismus oder gar Scheu, sich als Jude öffentlich zu bekunden, selbst von dem Ernste des Krieges nickt überwunden ist, allein diese bilden eine verschwindende Minorität; die große Mehrheit der israel. Soldaten ist voller Sehnsucht nach religiöser Einwirkung; sie besitzen Gebetbücher, Zizis und Thephilin, und diejenigen, welche solcher ermangeln, äußern ein brennendes Verlangen nach denselben. Der religiöse Sinn und das Bedürfniß nach einer richtigen Leitung ist unbedingt in großer Tiefe vorhanden. Die nicht zu leugnende Schwierigkeit, welche in dem Umstande liegt, daß die isr. Soldaten in den Regimentern zerstreut sind, spricht nicht für die Unmöglichkeit, vielmehr für die noch größere Nothwendigkeit der fixen Anstellung von jüdischen Feldgeistlichen. Das Bedürfniß sowohl als auch die Möglichkeit einer geistlichen Thätigkeit für die Israeliten in der Armee beweist meine von Sr. Excell. dem General v. Manteuffel angenommene Sendung und Ausführung derselben, wenn sie auch nur auf einen Theil der Soldaten sich erstrecken konnte. Daß es mir nicht gelungen ist, sämmtliche in der Belagerungsarmee vor Metz zerstreuten Israeliten zu einem gemeinschaftlichen Gottesdienste zu vereinen, lag wesentlich nur in der Spannung des Augenblicks, wo fortwährend Gefechte bevorstanden, weshalb auch unvorhergesehene Dislocationen vorgenom-

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