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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-01 · Heft 44 (1.11.1870) · p. Seite 859

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 44 (1.11.1870)
Date
1870-11-01
Page
Seite 859 (sequence 3)
Language
German
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859 für die Israeliten der Division Kummer nichts mehr anzuvrdnen habe, da letztere seinen Befehlen nicht mehr untergeben ist. Se. Excell. bemerkte, daß der Gottesdienst in St. Barbe, dem Mittelpuncte der Standquartiere, stattzufinden habe, da auch die am Gottesdienste theilnehmenden Soldaten bei einer etwaigen Allarmirung in kürzester Zeit zu ihren Abtheilungen zurückkehren müßten. „Kommt Bazaine, so hört Alles auf." Die weitern Anordnungen möge ich mit seinen Adjutanten vereinbaren. Nach einer Besprechung mit letzterem wurde zunächst die Zeit für den Gottesdienst dahin festgesetzt, daß derselbe Dienstag Abend von 6—7Va Uhr, Mittwoch Morgens von 8 bis gegen 11 Uhr und Nachmittags von 3—6 Uhr abgehalten werde, daß aber jedenfalls die Soldaten nach vollbrachter Andacht in ihre Quartiere sich zurückzubegeben haben. Das Bedürfniß des Nachmittagsgottesdienstes, nachdem bereits einer am Bormittage stattgefunden, wollte dem Herrn Major nicht einleuchten, zumal unter den obwaltenden Verhältnissen. Er meinte auch, daß ihm dadurch neue Schwierigkeit weben der nöthig werdenden Berpflegung der Soldaten entstehen würde! Eine Besorgniß, deren Beseitigung ich für Jom-Kippur leicht übernehmen konnte. — Eine nicht unwesentliche Schwierigkeit bot noch die Wahl des Ortes. Bon einem eigentlichen Feldgottesdienste mußte für Dienstag Abend wegen der Dunkelheit und auch für Mittwoch aus selbstverständlichen Gründen abgesehen werden. Es ist erwähnenswerth, daß mir die Benützung der katholischen Kirche angeboren wurde, obwohl dieselbe erst von einer großen Zahl Soldaten, ihren zeitigen Bewohnern, für diesen Zweck hätte geräumt werden müffen! — Da jedoch ein Königsberger Arzt, mein unmittelbarer Nachbar, mir bereitwilligst sein dem meinigen angrenzendes Zimmer einräumte, so fand der Gottesdienst in diesen beiden Räumen statt. Zum Gottesdienste erschienen nun Dienstag am Vorabend des Versöhnungstages fast sammtliche isr. Soldaten aus den Regimentern 1, 5, 43 und 44; als ihre Heimath bezeichneten sie größtentheils: Thorn, Culm, Danzig und Tilsit, mehrere derselben sind zur Auszeichnung mit dem eisernen Kreuze vorgeschlagen; die meisten kamen aus den Dörfern Colombey, Ogy, Servigny, Retonfay, Flanville und Laquenexy. Wenige Minuten vor 6 Uhr lies ich den Gottesdienst beginnen. Ein Unterofficier trug die sämmtlichen Gebete sehr angemeffen vor. Bor dem Schlußgebet Olenu hielt ich die Predigt über den Text aus Jeremia Cap. 31. Bers 15 und 16: „So spricht der Ewige, halte zurück deine Stimme vom Weinen und dein Auge von Thränen, denn ein Lohn ist für dein Thun, ist der Spruch des Ewigen, und sie werden zurückkehren aus dem Lande des Feindes. Und Hoffnung ist für die Zukunft, ist der Spruch des Ewigen, und es werden zurücktehren die Kinder in ihr Gebiet." Ich mahnte meine Krieger Muth zu fasten im Vertrauen und in der Hoffnung auf Gott. Jeder möge heute an diesem heiligen Tage mit dem Erzvater Jacob aus vollem Herzen geloben und beten: „Wenn Gott mit mir sein wird und mich behüten auf diesem gefahrvollen Weg, den ich gehe, und ich nach errungenem glorreichen Frieden heimkehre in mein älterliches HauS, so soll der Ewige mir zum Gotte seineine innere Stimme werde ihm alsdann den Spruch des Ewigen, des Erhörers aller aufrichtigen Gebete, verkünden: Nicht vergeblich ist deine opferwillige, todesmuthige Hingebung, „ein Lohn ist für dein Thun," du wirst ruhmgekrönt zurückkehren aus dem Lande des Feindes. Aus den mächtigen Ereigniffen, welche die Söhne des Vaterlandes mit Gottesmuth und Gotteskraft heldenmüthig vollbringen, ertöne laut und vernehmlich die Gottesverheißung einer großen Zukunft für das Vaterland, da auch die beinahe seit zwei Jahrhunderte entfremdeten Kinder wieder zurückkehren werden in den Schvvß ihrer Mutter. Ich entwickelte dann anschließend die Bedeutung des Bersöhnungstages in der obwaltenden Lage und schloß mit einem Gebete für den König, unfern Schirmherrn, besten Verbündete, für das deutsche Heer, die deutschen Stämme und für Israel. — Eine wahrhaft erhebende Andacht herrschte wahrend des ganzen Gottesdienstes; so innig und bewegt wurde wohl selten gebetet als an diesem Abende. Als ich von dem Gebete des Erzvaters < Jacob) über die „Heimkehr zum eignen Heerd in Frieden" sprach, mußte ich, unterbrochen durch das Weinen und Schluchzen der Zuhörer, mehrere Minuten inne halten. Mit Ausnahme der wenigen Soldaten, welche den Lazarethdienst versehen und deshalb in St. Barbe blieben, begaben sich alle Uebrigen nach Beendigung des Gottesdienstes in ihre Quartiere zurück, manche mußten einen dreistündigen Weg zurücklegen. Am andern Morgen waren sie alle zur festgesetzten Zeit erschienen. Der Borbeter von gestern verrichtete das Schachris- und Musaphgebet und in Ermanglung einer Thorarolle erklärte ich den Inhalt 44*

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