Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1870)
- Date
- 1870-10-25
- Page
- Seite 855 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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855 brillante ä l'horizon“. Doch die Juden murrten nicht; sie waren den Druck gewöhnt und empfanden ihn wie eine dira necessitas. Andererseits jubelten sie aber nicht minder wie die Uebrigen ob der vermeintlichen Freiheit, die das Jahr 1789 gebracht, und es ist rührend, wie ein jüdischer Dichter aus Metz, Namens Mose Metz, der in jungen Jahren als Hauslehrer die Kinder Moses Mendelssohn's unterrichtet hatte, mit dem druckgepreßten Herzen die ausgehende Freiheitssonne der Revolution in seinen Poesien verherrlichte. Napoleon 1. hat die Juden buchstäblich an der Nase herumgeführt.*) Zuerst berief er, um ihre Gleichberechtigungsfrage zu regeln, eine Rabbiuerversammlung (Sanhedrin) nach Paris und ließ dieselbe unter großem Pomp 1806 Berathungen pflegen und Sitzungen abhalten. Dann im Jahre 1811**) erließ er ein Judengefetz, wodurch er sie grausamer knebelte, als es irgend ein deutscher Fürst gethan. Während in Deutschland 1806 der Leibzoll aufgehoben wurde, forderte er noch 1811 von ihnen, daß sie ohne einen bei dem Prafecten gelösten Erlaubnißschein keinen Handel treiben sollten, widrigenfalls von ihnen geschloffene Vertrage. ungiltig sein würden; wahrend alle andern Franzosen ihrer Militärpflicht durch Stellvertreter genügen dursten, wurde es chnen untersagt oder wenigstens nur dann gestattet, wenn der Stellvertreter ein Jude war. Besonders aber die Juden der deutschen Provinzen, die „Pechvögel", wie man sie in den jüdischen Kreisen Süddeutschlands nannte, waren mit strengen Maßregeln bedacht, denn Napoleon hielt sie für die Einzigen in den östlichen Departements, die noch Anhänglichkeit an Deutschland bewahrt hätten; er nannte sie wegen dieses edeln Gefühls in seiner Sprache Spione. Darum untersagte er ihnen auch, sich in den französischen Departements anzusiedeln. Die eigenthümliche Unterscheidung, die in Frankreich noch heute zwischen „juif“ und ,.isra61ite“ gemacht wird, stammt aus der Zeit des ersten Kaiserreichs: „israelite“ begreift eine gewisse Achtung in sich, „juik" ist gleichbedeutend mit Wucherer. Demnach ist gerade unter Napoleons Herrschaft die Judenfrage, während sie theoretisch geflissentlich umgangen und nur in majorem Caesaris gloriam vermittelst fruchtloser Rabbinerdebatten als Decoration der „völkerbeglückenden" napoleonischen Herrschaft benützt wurde, factisch entschieden worden. Im Drang und Wirrwarr der Kriege hatte man keine Zeit separat Beschränkungsgesetze gegen die Juden aufrecht zu erhalten. Aber kindisch ist es, wenn manche jüdische Schriftsteller den corsischen Despoten noch immer als den Messias der Juden ausschreien. *» Wir können, ohne Lobreducr Napoleons l. sein zu wollen, mit der folgenden Beurtheilung uns nicht ganz in Ucbereinflimmung erklären. Der Herr Lers. scheint uns doch unter dem Einflüsse der gegenwärtigen Stimmung zu stehen. R e d a c t. **) Es ist dies nicht richtig; das Usurgesetz datirt vom 17. März 1808, und sollte nur IO Jahre giltig sein. Es erlosch daher in Frankreich 1818, wahrend es in den preuß. Rheinlanden bis 1839 auftecht erhalten blieb. Redact. Er hat mit ihnen dasselbe Gaukelspiel getrieben, das er mit Allem, was Freiheit und Menschenrecht hieß, in Scene setzte. Erst die Julirevolution räumte auch rechtlich die Schranken hinweg *), welche die Juden vom Menschen trennten, und die Emancipation wurde endgiltig am 1. Januar 1831 in der Pariser Pairskammer mit 89 gegen 57 Stimmen ausgesprochen. Damals erhielt auch Metz die vom Staate unterhaltene Hochschule zur Ausbildung von Rabbinen, das „College Rabbinuiue“. Seitdem haben sich die Juden in Frankreich als ein sehr nützliches gesellschaftliches Ferment erwiesen, das auf allen Gebieten des Könnens und Wissens dem Staate brauchbare Bürger zuführte: Adolf Cremieux, jetzt zum zweiten Male Frankreichs Justizminister und Großsiegelbewahrer, ist ein den Interessen feines Landes sehr ergebener Israelit. Sein ehemaliger Amtsgenosse aber, Thiers, hat sich noch, kurz bevor er sich als fanatischen Deutschenfeind entpuppte, den wenig beneidenswerthen Ruhm eines ebenso grimmigen Judenhassers zu erwerben gewußt. Denn als im Februar 1840 die Ämvrdung eines Capuzinerguardians Tvmasi in Damaskus gegen die Juden benutzt wurde, um sie des Gebrauchs von Christenblut anzuklagen und mit den grausamsten Folterqualen zu peinigen, als ganz Europa mit sittlicher Entrüstung die Schliche des französischen Consuls Ratti Menton zu Damaskus, welcher die ganze unsaubere Geschichte angezettelt hatte, verdammte, da weigerte es Thiers, gegen feinen Untergebenen zu verfahren, weil er den Relationen seines Agenten mehr als den Anklagen der Menschenfreunde trauen zu müssen glaubte. Und dieser selbe Thiers ist jetzt der Hoffnungsanker Frankreichs'. Zur Geschichte der Iudeuversolgungen und der Blut-Jubiläen. Bon Louis Weyi in Frankfurt a. d. Oder. (Schluß.) Ward aber diese Bestimmung auch von Seiten der königlich polnischen Regierung sofort sanctionirt und hierdurch , den Juden gegenüber, gewissermaßen ein officieller Act der Humanität und des Wohlwollens geübt, so hielt dies den polnischen Klerus doch nicht ab, ein Bierteljahrhundert später — am 25. August 1799 — in pomphaftester Weife das Hostien-Wundermärchen zu feiern, welches' vier Jahrhunderte vorher (1399) einen vierzehnfachen Judenmord herbeigeführt und später noch so viel Beschimpfung und Bedrückung gegen die Posener Jndenschaft ausgeführt, in *) Wir können dies nicht zugebcn. Es bestand auch unter der Restauration keine Schranke; die einzige Ausnahme war, daß die katholische Geistlichkeit aus Staatsmitteln bezahlt wurde, die jüdische nicht, und diese letzte wurde 1831 besenigt.