Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1870)
- Date
- 1870-10-25
- Page
- Seite 856 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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856 seinem Gefolge gehabt hatte.*) — Und wenn man nun noch erwägt, daß ein so humanes Herrscherhaus, wie das preußisch-hohenzollernsche es war, unter dessen Scepter das posensche Land seit der zweiten Theilung Polens (1793) sich befand, so muß das Fest, welches 1799 in der Stadt Posen von Seiten der hohen Geistlichkeit veranstaltet wurde, nur noch in desto grellerem Lichte erscheinen und das Wesen jener Macht nur noch in desto schärfern Zügen kennzeichnen. — Doch was kümmert sich fanatisches Pfaffenthum um vie vorwärtsfchreitende Zeitströmuug, und sei diese auch schon so stark geworden, daß sie nicht mehr blos die Schichten des Volkes durchweht, sondern auch schon nach oben hin, — an den Thronen sogar — ihre Wirkung bekundet? Rom ist immer seinen eigenen „finstern" Weg gegangen und hat ihn — aller Vernunft zum Hohne und aller Gerechtigkeit zum Trotze — leider bis auf den heutigen Tag noch zu gehen nicht aufgehört. Zum 25. August des Jahres 1799 waren die Katholiken der Posener Diöcese nach der Stadt Posen gelaven, um an einer großen kirchlichen Feier Theil zu nehmen, durch welche das Andenken an eine alte — an eine vierhundert Jahre alte — Blutbegebenheit sollte verherrlicht werden. Ueber die hohe Bedeutung der Feier war schon wochenlang vorher von allen Kanzeln herab das Volk belehrt und ihm ausführlich berichtet, was anno 1399 in Posen mit den drei consacrirten Hostien, von den Juden geraubt und geschändet, sich zugetragen hatte. Dazu kam noch die, schon im Eingänge erwähnte (deutsch wie polnisch neu bearbeitete) Treter'sche Schrift, welche neben manchen andern ähnlichen Tractatchen maffenhaft versandt und vertheilt worden war. Wer selber nicht lesen konnte, dem ward das Nöthige vorgelesen, und wer das Gelesene oder Gehörte nicht begriff, dem ward es erklärt und erläutert. Unter solchen und noch andern (directern) Vorbereitungen, rückte der Tag des Festes, von Tausenden heiß herbeigesehnt, immer näher. Endlich kam er — ein Sonntag war's — und mit ihm die ungeheure, von Viertelstunde zu Viertelstunde immer stärker anwachsende Volksmasse, welche schon vom frühesten Morgengrauen an von allen Seiten her, durch sämmtliche Thore, in die alte polnische Stadt Posen einzog, die Gaffen, Straßen und Plätze füllend — und unaufhaltsam zu all' den Kirchen hin wogend und strömend, in denen Festgottesdienst gehalten wurde. — Wie wir bereits zu Anfänge unseres Artikels bemerkten, sollen der auswärtigen Katholiken allein, die an jenem Tage nach Posen gekommen waren, schon nahezu 20,000 gewesen sein. Die alte *) Nach einer von Dr. Perles citirten (wenn auch nicht angegebenen) Quelle soll übrigens schon hundert Jahre früher, nämlrch 1699, das 3O0jLhrige Jubiläum der wunderbaren Hostien gefeiert worden sein. Stadt hatte ihr festlichstes Gewand angezogen; überall, wohin man blickte, sah man frische Bäume aufgepflanzt, Laub- und Blumenschmuck prangen, Fähnlein und bunte Bänder wehen — und fast an jeder besonders hervorragenden Straßendurchkreuzung einen eigenen Betaltar errichtet. Von sämmtlichen Kirchthürmen herab ertönte das Geläute der Glocken, welches (im Ganzen genommen) so ungeheuer stark gewesen sein soll, daß von Zeit zu Zeit aus Haubitzen und Mörsern abgebrannte Schüsse nur wie ein dumpfer Donnerhall aus weiter Ferne gehört wurden. Das Hauptstück des großen Tags aber bildet die große Procession, welche wir nicht anders als „Blutprocessio n nennen können, da sie mit ihrem Ungeheuern Aufwands an Pracht und Glanz ja doch nur die Erinnerung an das Blut der vierzehn jüdischen Märtyrer feierte, welche vor 40O Jahren dem craffesten Glaubensfanatismus zum Opfer gefallen waren. Der riesenhafte Zug der Procession ging durch die bedeutendsten Straßen und Plätze der Stadt und der Vorstädte, nämlich von der Pfarrkirche nach Sanct Dominik, von hier nach dem Dome und von da endlich nach der sogen. Frohnleichnamskirche, welch letztere an dem Orte aufgebaut war, woselbst »nno 1399 die unglückseligen dr ei Hostien aufgefunden und die mysteriösen Erscheinungen an denselben gesehen worden waren. — Sonnenuntergang soll schon ganz nahe oder gar schon vorüber gewesen sein, als man mit den feierlichen Auf- und Umzügen das Ende erreicht hatte. Dieselben näher zu beschreiben, gehört am allerwenigsten hierher, und müffen wir sogar den Leser um Verzeihung bitten,dem Feste schon so viel Aufmerksamkeit geschenkt, seinen Details schon so viel Worte gewidmet zu haben.—Was uns indessen bei dieser Sache ganz besonders interessireu muß und wir daher zum Schluffe noch mitzutheilen nicht verfehlen dürfen, — es ist die erfreuliche Thatsache, daß an dem ganzen Tage des 25.August 1799 auch nicht der l eiseste Exceß gegen die Juden in Posen vorgekommen. — Man muß dergleichen stark befürchtet haben,da man im Voraus sowohl polizeilicher als auch militärifcherfeits gute Sicherheits-resp. Vorbeugungsmaßregeln getroffen hatte. Zwei edlen Männern,dem damaligen Stadtcommandanten V. Crousatz und dem Polizeipräsidenten v.Bred o w, gebührt das Verdienst gemeinsam dafür gesorgt zu haben, daß an jenem Tage das Judenviertel (ehemaliges Ghetto) ganz und gar unbehelligt geblieben. Alle Eingänge zu demselben waren durch Soldaten und bewaffnete Polizeisergeanten eng besetzt, während eine berittene Mannschaft sich immer in der Nähe der Procession hielt um jeden etwa drohenden Wuthausbruch des fanatischen Volkes gleich in den ersten Keimen zu ersticken.—Ob und wie weit hier hat eingeschritten und gar von der Waffe Gebrauch gemacht werden müssen, ist uns nicht bekannt; das aber ist Thatsache, daß für die Juden Posens jener Tag des Blutjubiläums (der 25. August 1799) ganz ruhig und ohne jegliche Störung abgelaufen. Verlag von Bamngärtuer's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. D. Hirschseld. Verantwortlicher Redattenr Dr. H. Lvtze.