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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-25 · Heft 43 (25.10.1870) · p. Seite 854

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 43 (25.10.1870)
Date
1870-10-25
Page
Seite 854 (sequence 18)
Language
German
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854 Trotz dieser und ähnlicher Bedrängnisse blühte die Judengemeinde von Metz mehr und mehr empor; bald konnte sie unterstützend und helfend nach dem östlichen Deutschland herübergreifen, mit dem sie überhaupt in stetem innigem Rapport verblieb. Fast alle ihre Rabbiner bis zum Anfänge dieses Jahrhunderts waren aus Posen, Prag oder Krakau.*) Als ein Decret der Kaiserin Maria Theresia vom 18. December 1744 die böhmischen, und ein eben solches vom 2. Januar 1745 die mährischen Juden von ihren Wohnstätten vertrieb und in den eisigen Winter hinausjagte, da nahm Metz nicht nur eine beträchtliche Anzahl der Flüchtlinge bei sich auf, sondern es sandte auch den heimlich Zurückgebliebenen ansehnliche Liebesgaben an Geld und Nahrungsgegenständen. Es ist allerdings wahr, daß die Zeit der Aufklärung den französischen Juden keinerlei Bevrückung und Verfolgung brachte, doch nicht, weil man gegen sie toleranter geworden war, sonvern weil der Thron im Pariser Louvre ächzte und schwankte unter den Stößen, die ihm der Freiheitsdrang der Nation versetzte, und weil das französische Volk nicht minder ächzte und stöhnte unter dem furchtbaren Druck, den ihm die unerschwingliche Steuerlast auferlegte. Man hatte eben nicht Zeit noch Laune, um an den Juden fein Müthchen zu kühlen. Daß man sich keine Skrupel sonst deswegen gemacht hätte, beweist Voltaires, ves vorurtheilslosesten Franzosen, peinliche Haltung gegen sie. Ludwig XI V. hatte der Verfolgungslust und dem Fanatismus durch ein kategorisches „Car tel est mon plaisir“ Einhalt gebieten können; Ludwig XV. aber hatte zu viel mit den Boudoirsgeheimnissen seiner Maitreffen zu thun, und Ludwig XVI. war zu schwach, um den Nothschrei bedrängter Unterthanen zu vernehmen. Darum konnte auch in Metz gerade zu derselben Zeit, da in Paris kühne Kämpfer den Menschenrechten das Wort sprachen, ein Pamphlet voll des wildesten Judenhasses entstehen, das die ganzen alten Vorurtheile wieder aufwärmte, aber zugleich einige christliche Humanisten zwang, zu der Judenfrage Stellung zu nehmen und das Pro und Contra der Emancipation zu erörtern. Zuerst veranlaßte jenes Pamphlet, welches den Titel „Schrei ves Bürgers gegen die Juden" führte, die königliche Gesellschaft für Wisienschast und Künste in Metz einen Preis für die Beantwortung der Frage: Giebt es Mittel, die Juden glücklicher und nützlicher in Frankreich zu machen? auszusetzen. Zwei christliche Bewerber wurden gekrönt, der katholische Priester Grsgoire, spater Mitglied der Nationalversammlung, und der Advocat Thiery auS Nancy. Zu gleicher Zeit trat auch Mirabeau mit den ganzen glanzenden Mitteln seiner Dialektik in der Schrift: „lieber Mendelssohn und über die politische Reform der Juden" für die armen Parias der Gesellschaft ein. Es war dies *) Bekanntlich war auch R. Jonathan Elbeschütz Rabbiner in Metz 1740 - 1750. Redact. im Jahre 1787; die Sturmvögel der großen Revolution flatterten unheimlich über Frankreich; von Metz aus war der Anstoß gegeben, die Frage der Judenemancipation in Frankreich zu erörtern und sie völlig spruchreif allen kommenden Gewalten zu überantworten. Sie ist auch theoretisch von der Nationalversammlung entschieden, praktisch aber nicht in's Werk gesetzt worden; der Terrorismus, der mit KönigShäuptern in schauerliches Gericht ging, war nicht geneigt, mit Juden schonend zu verfahren. Als die Jakobiner im Jahre 1792 um die Göttin der Freiheit tanzten, da gingen die Scherereien der Juden von Neuem los; denn jene Göttin war nur ein todtes Bildniß, das sich der Pöbel in seiner Himmelssturmerei ausgerichtet hatte, die wahre echte Freiheit wohnte diesem goldenen Kalb nicht bei. Während der Nationalconvent den Grundsatz der Gleichberechtigung auch für die Juden proclamirte, plünderten seine Schergen die jüdischen Gemeinden aus, indem sie allerhand Interpretationen des Gesetzes gegen sie in Anwendung brachten. Die Republik hatte bekanntlich ihren eigenen Kalender, wonach nur an jedem zehnten Tage Ruhe und GeschLftsstille herrschen sollte. Sonntag- und Sabbathfeier waren abgeschafft. Darein aber konnten sich die Juden nicht finden; sie mochten ihren Sabbath nicht opfern. Da kamen die Beamten des Convents und verboten ihnen, am Sabbath ihre Läden geschloffen zu haben. Biele erkauften die Erlaubniß, doch wehe denen, die trotz des Verbots ihre Läden schloffen, das Schreckbild der durch die Städte hausirenden Guillotine stand drohend vor ihren Augen und der Terrorismus machte kurzen Proceß. Ihre Gesetzestafeln mußten die Gemeinden aus den Synagogen Herausschleppen und den gegen jede Religion fanatisirten Jacob inerclubbs überantworten, damit sie verbrannt würden. Gerade in den östlichen Provinzen und vorzugsweise in Metz wütheten die Schreckensmänner gegen sie, und es ist eine charakteristische Anekdote überliefert, aus der hervorgeht, daß man ihnen sogar die Feier des Osterfestes verwehrt hatte. Die Metzer Juden konnten sich nicht entschließen, ihr Paffahfest der neuen Freiheitsgöttia preiszugeben und buken darum heimlich die üblichen Osterbrode, denn sie fürchteten die alten albernen Denunciationen vom Verbrauch des Christenbluts zur Passahfeier. In dieser Verlegenheit bebten und zagten sie vor Entdeckung. Da ging eine kühne Frau, Madame Hadamard, deren Enkel noch jetzt als geachtete Kaufleute in Metz leben, zu dem Conventcommiffär. „Que veux-tu, citoyenne?“ — redete dieser sie an. — „Demander Ia permission de faire nos Pitques.“ — „Comraent, tenir encore ä ces niaiseries, quand le soleil de la raison brille ä l’horizon?“ — „Les pains sont preis, c'est un usage eher ä nos coeurs comme souvenir de la liberle.“ — „Eh bien, puisque le vin est tir6, il faut le boire.“ Das war die Duldung, die die große Revolution den lothringischen und elsässer Juden brachte, die „raison

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