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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-25 · Heft 43 (25.10.1870) · p. Seite 848

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 43 (25.10.1870)
Date
1870-10-25
Page
Seite 848 (sequence 12)
Language
German
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848 wird. Der Eintritt in nnsern TtMpel stimmt nich immer zur Andacht. Die Vorsänger recitiren die rituellen Gebete größtenteils in aller Eile und unmelodischer Weise, die Synagogendiener haben stets ihre eigenen Kleider an und nicht eine Dienstuniform, die Besuchenden knüpfen häufig Unterredungen an, oder fallen oft in die heiligen Gesänge auf gar zu sehr lärmende Weise ein, und dies bildet manchmal einen solchen mißstimmenden Lärm, daß es den Zuschauer andern Glaubens zum Lachen erregt. Jeder Tempel hat innerhalb des israelitischen Quartiers sein Eigcnthum, dessen Einkünfte jedoch durch die schlechte Verwaltung bedeutend vermindert werden. Jedes Individuum, zu was immer für einer Classe gehörig, zahlt seinem Tempel eine Wochentaxe, welche für alle mehr oder weniger Begüterte gleich ist, jedoch mit großer Schwierigkeit eingetrieben wird. Noch schwieriger ist die Erhebung dessen, was durch den Verkauf der beim Ausheben und Lesen der Thora gebräuchlichen Ehrendienste gelöst wird. Ehedem, als das religiöse Gefühl lebhafter war, erhöhte die Eoncurrenz solche Versteigerungen, nunmehr aber bleiben diese Mizwoth meist unverkauft, und wenige bezahlen, was sie ersteigert haben. Die gute Verwaltung der Gebethäuser wird immer uothwendiger wegen der wöchentlichen Unterstützungen, welche jede Synagoge ihren Armen in stets steigendem Maße gewähren muß. Uebrigens rührt die Armenunterstützung nicht allein von den Synagogen her. Unsere Gemeinde hat Wohlthätigkeitsanstalten, welche von denen anderer Israeliten - Gemeinden nicht verschieden sind. Vor einigen Jahren wurden zwei Kinderasyle errichtet, eines für Knaben und eines für Mädchen, beide wirken nun regelmäßig; allein der Zustand der secundären Lehranstalt ist wahrhaft schrecklich. Dieselbe nimmt die Kinder der Armen und Reichen auf. Ja, die wohlhabenden Eltern sind durch ein Gesetz verpflichtet ihre Kinder hinzuschicken. Die reichen Kinder zahlen der Schule ein mäßiges Monatsgeld. Der Unterricht, der darin ertheilt wird, ist religiös und weltlich, die Zahlenden nehmen blos am religiösen Unterrichte Theil. Es wird das Lesen und die Uebersetzung der ganzen Bibel gelehrt, und der Curs dauert vier Jahre. Zum Elementarunterrichte gehört Lesen, Schreiben und Rechnen. Es wird auch ein höherer Unterricht sowohl in Religionsals weltlichen Gegenständen ertheilt; jedoch ist dieser nur für die Jünglinge bestimmt, welche sich dem rabbinischen Stande widmen. Die in diesen Schulen angewandte Methode gehört nicht zu den besten; nichts erweckt die Kinder zur Aufmerksamkeit, das Ehrgefühl, die Derstandeskräfte bleiben unentwickelt, und die pedantische Lehrmethode ist nur dazu geeignet die gänzliche Unwissenheit, einen Widerwillen zum Lernen und den Mangel an Disciplin zu nähren. Und doch wurden die jährlichen Ausgaben für diese Schulen erhöht, die Lehrer verlangen Gehaltserhöhung, und das Jnstimt hat keine Mittel sie zu befriedigen. Das Institut wird durch die Einkünfte einiger Besitzlichkeiten, welche ihm innerhalb der Judcnwohnungen gehören, unterhalten. Hierzu kommen noch einige Taxen. Für den Unterricht des weiblichen Geschlechts geschieht hier durchaus nichts. Beinahe die Gesammtzahl der hiesigen Israeliten sind Äaufleute und zwar fast sämmtlich mit einem und demselben Handelsartikel, sehr wenige betreiben einen andern Handelszweig. Es haben einige begonnen Manufactur-Fabriken anzulegen; allein dieses Beispiel hat bis nun wenig Nachahmung gefunden, das Anklammern an die alte Gewohnheit und die Furcht den betretenen Weg zu verlassen ist auch in anderen Beziehungen bemerkbar. Jede Neuerung ist anstößig und wird mißfällig ausgenommen. Ueberall herrscht Borurtheil. Die Frauen besuchen das Gotteshaus nur dreimal des Jahres. Die Trauungen werden in der Wohnung des Bräutigams, nicht im Tempel gefeiert. Auch frühzeitige Ehen werden hier noch zu oft geschlossen. Wie Sie aus dieser Darstellung ersehen, ist der Zustand unserer römischen Glaubensgenossen nicht der erfreulichste. Zu der willkürlichen Herz- und gewissenlosen Pfaffenregierung gesellte sich als Folge derselben der Umstand, daß die begütertsten Familien schon seit vielen Jahren Rom verließen, um sich in Florenz, Livorno oder in Neapel anzusiedeln; dagegen war die Zahl der Proletarier in letzter Zeit in stetem Steigen. Und doch bei alledem! wie viele Bildung giebt es nicht unter den Israeliten Roms; und welch eine Bildungsfähigkeit'. Hoffen wir, daß der Hauch der Freiheit und die humane Regierung dazu beitragen werden, den Zu-

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