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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-25 · Heft 43 (25.10.1870) · p. Seite 846

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 43 (25.10.1870)
Date
1870-10-25
Page
Seite 846 (sequence 10)
Language
German
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846 ihrer bürgerlichen Rechte beraubt wurden, haben die Juden zwar niemals die blutigen Verfolgungen erfahren, welchen sie in anderen Ländern ausgesetzt waren, aber desto mehr hatte man eine schimpfliche und entehrende Behandlung ersonnen, um sie dem Katholicismus gegenüber zu erniedrigen. Es ist dies jetzt das dritte Mal, daß sie zur Emancipation berufen werden; das erste Mal, als Napoleon I. den Kirchenstaat „seinem Königreich Italien" einverleibte, bis nach seinem Sturze das Papstthum zurückkehrte und sie in die frühere Knechtschaft zurückwarf; zum zweiten Male unter der kurzen römischen Republik 1848, wobei wir jedoch nicht übergehen wollen, daß Pius IX. in seiner resormatorischen Periode die drückendsten Beschränkungen schon aufgehoben hatte. Die Republik fiel durch die Waffen der französischen Republik, Pius IX. kam zurück, und die bürgerliche Rechtsstellung der Juden war vergessen. Unter dem Schutze der französischen Occupation waren die Juden wieder in das Ghetto zurückgebannt und an die früheren Beschränkungen gebunden. Es nicht glaublich, daß die weltliche Papstherrschaft sich von diesem letzten Sturze noch einmal erheben werde. Die Umwandelung ist nicht durch Revolution oder durch die Waffen geschehen, sondern in ganz organischer Weise, in friedlichster Art, in Uebereinslimmung Aller. Sie war so unhaltbar geworden, daß eben nur die einzig übrig gebliebene Stütze, die französische Besatzung, zu weichen brauchte, um sie ohne die geringste Erschütterung in den Staub fallen zu lassen. Da dieses päpstliche Regiment die Jntereffen aller Bürger und Unterthanen verletzte und beschädigte, so vermöchte nur eine äußere Waffengewalt sie wieder zurückzuführen, und diese steht um so weniger in irgend einer Aussicht, als die übrigen europäischen Staaten sich einem solchen Gedanken völlig entfremdet haben. Demungeachtet wünschen wir, daß die römischen Juden sich so schnell wie möglich der ihnen gewordenen Freiheit ganz materiell bemächtigen mögen. Wir meinen nämlich, daß sie in möglich größter Zahl das Ghetto verlassen und sich in den übrigen Theilen der Stadt ansiedeln. Dadurch schwindet der Gedanke der Absonderung aus der römischen Bolksmasse am ehesten, und selbst bei einer größeren oder geringeren Reaction würde ein Zurückdrängen unmöglich werden. Man weiß, wie schnell die Zeit der ersten Begeisterung im Volke immer wieder verschwindet, und wie leicht dann Vorurtheil und Mißwollen zurückkehren. Hier vor Allem gllt das Wort: beati possidentes! d. h. diejenigen, welche, und noch dazu mit vollem Rechte, Besitz ergriffen haben, werden am wenigsten darin gestört. Rom, 13. October. (Privatmitth.) Der Sturz der päpstlichen Herrschaft hat zur Folge gehabt, daß der junge Cohen, von welchem man sich erinnern wird, daß auch er, einige Jahre nach Mortara, von der katholischen Geistlichkeit getauft und zurückgehalten wurde, zu seinen Eltern zurückkehren durfte. Der Klerus behauptete damals, der Knabe habe sich freiwillig zur Taufe gemeldet, und wies deshalb alle Reclamationen des Vaters ab. Der junge Cohen benutzte sofort die neue Freiheit, um in den Schoß seiner Familie uud Religion zurückzukehren. Bon Mortara ist dies nicht zu erwarten; dieser ist zu systematisch in die ihm aufgezwungene Religion versenkt worden, und war noch zu jung, um die ihm gewordenen Eindrücke überwinden und durch die schwachen Erinnerungen der Kindheit zurückweisen zu lassen. — Seit der Proclamirung der persönlichen Unfehlbarkeit des Papstes hat der Ultramontanismus zwei große und bittere Enttäuschungen und zwar unmittelbar durch die göttliche Fügung erfahren. Durch diese, sagen wir, denn daß mit jener der französisch-deutsche Krieg zusammenfiel, war kein Werk menschlicher Berechnung, sondern eine Fügung des Geschickes. Dadurch geschah es, daß die Verkündigung jenes für unsre Zeit so überaus unpassenden Dogmas nicht im Entferntesten das Auffehen machte, welches man sich von ihr versprach. Die Welt beachtete sie garnicht, so wenig, wie wenn in irgend einer Wissenschaft eine neue Hypothese aufgestellt worden. Die kleine Agitation, welche in Deutschland dagegen austauchte, scheint sich ebenso erfolglos verlieren 'zu wollen. Die zweite Enttäuschung besteht darin, daß der Sturz der weltlichen Herrschaft ebenso geringes Auffehen macht und von der Welt als längst selbstverständlich ausgenommen wird. Kein Protest von irgend einer Staatsregierung gegen diese mit so geringem Kraustauftoande vollzogene italienische Action; kein Protest aber auch nicht einmal von irgend einer katholischen Volksmaffe, vielmehr eine Bestättgung derselben durch das numerisch großartige Plebiscit der Bürger des Kirchenstaates. Die bischöfliche Versammlung zu Mecheln am 10. October, die klerikale Versammlung zu Fulda mit ihren Protesten und Adreffen, die Petition zweier oder dreier preußischer Stadträthe an den König von Preußen und

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