Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1870)
- Date
- 1870-10-25
- Page
- Seite 845 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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845 nach Nimes, welche Stadt er in seiner Jugend mit Glanz verlassen, nachdem er seinen Vater, einen durch die bourbonischen Verfolgungen ruinirten Kaufmann, mit Geist und Liebe aus allen möglichen Verlegenheiten gerissen und nach langer, aufopfernder Arbeit dessen Schulden getilgt hatte. Er rächte sich für die langen Leiden, indem er einen der angeklagten Minister Karls X. vor der Dairskammer vertheidigte und dabei in die berühmte Ohnmacht siel. Einiger Witz der Geschichte liegt darin, daß das Kind Israels ganz Frankreich gerade in einer der Hauptstädte des französischen Ultramontanismus als Regent vertritt." Aus Frankreich, 16. Oct. (Privatmitth.) Es ist nicht unsre Sache, die politische Tagesgeschichte zu verfolgen und die Phasen des französisch-deutschen Kampfes zu besprechen. Daß wir aber den Antheil, den wir an dem Schicksale eines so ehrenwerthen Glaubensgenossen wie Cremieux nehmen, zum Ausdruck bringen, wird uns Niemand verargen. Es ist unsrerseits nur eine Pflicht der Dankbarkeit für einen Mann, der keinen geringen Theil seiner bedeutenden Kraft der Vertheidigung seiner Glaubensgenossen und zwar mit einer ruhmwürdigen Ausdauer von 1840 bis 1870 gewidmet hat. Hier ist es nun, wo wir Eines zu constatiren haben, was ihm später zu einer Zeit zur Ehre gereichen wird, wo er wahrscheinlich, und zwar von verschiedenen Seiten her, heftige Schmähungen erfahren wird: das ist, daß Cremieux unter den gegenwärtigen französischen Regierungsmännern für den Abschluß des Friedens mit Deutschland gestimmt und deshalb die Wahlen zur Constituante gewollt hat. Es ist jetzt bekannt geworden, daß über diese beiden Fragen ein großer Rath sämmtliche Männer der augenblicklichen Regierung abgehalten.worden und daß die beiden Regierungsdeputirten in Tours, Cremieux und Glais-Bizoins, für den Frieden und die Constituante gestimmt, aber von der großen Mehrheit der Regierungsmänner in Paris überstimmt wurden, daß deshalb Gambetta im Luftballon nach Tours ging, auch hier sich im Widerspruch mit jenen beiden Männern befand, selbstverständlich aber in Vollmacht der Pariser Regierung die Obmacht hatte, und Cremieux das für wenige Tage übernommene Kriegsministerium wieder abnahm. Hiermit kann Cremieux für seine Person wohl zufrieden sein, denn die erste Action des neuen Kriegsministers, die Sendung der Loire-Armee gegen den Feind, siel bekanntlich sehr unglücklich aus. Herrn Cremieux aber gereicht jene zwiefache Abstimmung nur zur Ehre, da sie beweist, daß er zu den wenigen Franzosen gehört, welchen die Einsicht in das unglückliche Geschick ihres Volkes vor der fanatischen Leidenschaft nicht ganz verloren ging, und welchen das Recht des Volkes über die persönliche Autorität geht. In gewöhnlichen Zeiten hätte eine solche Differenz den Austritt Cremieux's zur Folge haben müssen; in der gegenwärtigen Lage wäre dies für die französische Sache um so nachtheiliger gewesen, und Cremieux hat um so patriotischer gehandelt, das Justizministerium zu behalten. Italien. Vom Tiber, 9. October. (Privatmitth.» In der Annecttrung des Kirchenstaates Seitens des Königsreichs Italien sprechen einmal wieder die Zahlen am lautesten. Die Volksabstimmung, ob die Bewohner des Kirchenstaates fortan zu Italien gehören wollen oder nicht, hat den letzten Stab über das weltliche Regiment des Papstes gebrochen. Die Frage war einfach und verständlich gestellt, und durchschnittlich kamen 50,000 Ja auf 200 Nein! Und dabei wissen die Römer doch recht gut, daß die italienische Regierung den Bürgern des Staates gerade auch kein Eldorado schafft. Aber die bürgerliche Selbstständigkeit, welche die völlige Abhängigkeit und Erdrückung durch das Regiment der Geistlichen nicht mehr dulden will, ist zu stark im Bewußtsein des Volkes geworden, als daß sie die Befreiung von diesem nicht jubelnd begrüßen sollte. Noch weniger ist daher die begeisterte Adresse der römischen Judengcmeinde, von der auch in dies. Zeitung schon die' Rede war, zu verwundern. In diesem Rom, wo die Juden in nicht geringer Anzahl schon im zweiten Jahrhundert vor der Zerstörung Jerusalems, lange vor dem Einfall des Pompejus in Palästina ansässig waren, so daß schon Cicero ihren Einfluß in den römischen Volksversammlungen beklagt, wo zu Augustus Zeiten schon mehr als 10,000 Juden wohnten und des römischen Bürgerrechts genossen, wo sie erst durch den Sieg des Christenthums, und auch dann erst allmälig, schließlich am 31. Januar 439*» *) S. Ludwig Schragge (L. Philippson»: Wie verloren die Juden das Bürgerrecht im west- und oströmischen Reiche? Berlin. 1832. Israelitisches Predigt- und Schulmagazin. 2.Aufl. Leipzig, 1854. S. 426. 43