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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-25 · Heft 43 (25.10.1870) · p. Seite 842

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 43 (25.10.1870)
Date
1870-10-25
Page
Seite 842 (sequence 6)
Language
German
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842 Juden in unserer Zeit nicht, und treten keineswegs als eine geschloffene Partei auf. Demungeachtet ist die Wirksamkeit der Juden auf dem politischen und socialen Gebiete nicht gering anzuschlagen, wenn auch von unseren Gegnern, sobald es ihnen paßt, sehr übertrieben. Schriftsteller wie Heine und Börne, Staatsmänner wie Cremieux und Godefroy, Abgeordnete zu allen Parlamenten der Welt, zahl- und geistreiche Journalisten, und rechnet man noch dazu die vielen getauften Juden in mehr oder weniger hohen Stellungen, z. B. Disraeli und Stahl, sind von Einfluß gewesen, wenn sie auch für die Zeit keinen bestimmenden und entscheidenden Charakter gehabt. In niederen Aemtern, namentlich auf dem Communalgebiete, geht die Menge wirksamer Juden weit über ihr numerisches Verhältniß hinaus. Welch enormen Einfluß die Juden in der Industrie, namentlich in der Finanzwelt gehabt, braucht nur angedeutet zu werden, doch schließt sich dies an sehr bedeutende Dienste an, welche sie bereits wahrend des Mittelalters leisteten. Dahingegen tritt in unsrer Zeit die Hingebung der Juden an die liberalen Grundsätze prägnanter hervor, als in der chaldäischen Zeit; sehr natürlich, da diese Grundsätze selbst der modernen Welt klarer und bewußter sind, und die chaldaische Zeit dafür keinen Spielraum hatte. Dennoch gereicht es uns zu großer Befriedigung, und zeugt für die Continuität im Wesen des Judenthums, daß es die liberale Tendenz -auch in der dafür ungünstigen chaldäischen Welt stark betont hat. Wir sahen, wie furchtlos Daniel dem üppigen Belsazar seine Sittenlosigkeit als ein Verbrechen ins Angesicht schleudert; wie er die asiatische Selbstvergötterung dem Nebuchadnezar als Beginn des Wahnsinnes verkündet und ihm die Uebung der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit als das einzige wirksame Gegenmittel empfiehlt — worin schließlich der ganze Liberalismus der Despotie gegenüber bestehen konnte. Noch bedeutender ist aber der Inhalt jenes ersten großen Traumes Nebuchadnezars. Die Welt- und Staatsanschauung, die hierin liegt, tritt der ganzen asiatischen Idee und Wirklichkeit schroff gegenüber. Diese Weltreiche bilden nur ein vorübergehendes Stadium der menschlichen Gesellschaft und sind an sich rasch vergänglich; sie sind aus Gewalt gebaut, zertrümmern eines das andere, verschlechtern sich dadurch in ihrem Werthe und in ihrer Dauerhaftigkeit. Sie und ihre Schöpfungen verfliegen wie Staub, werthlos für die Menschheit. Dahingegen erhebt sich schließlich ein allgemeines menschengeschlechtliches Reich, in welchem kein Volk das andere beherrscht, in dem also die Freiheit und die Gleichheit Aller sich verwirklicht, hierdurch die Dauerhaftigkeit alles Bestandes gesichert ist. In diesem kurz und scharf gezeichneten Bilde liegen demnach für den denkenden Leser alle Keime großartiger liberaler Anschauungen, aus welchen er sich leicht die liberalen Principien zu construiren vermag. Wenn also auch nicht im Worte, im Geiste ist hier aus uralter Zeit daffelbe eingeschloffen, was die Gegenwart und Zukunft des Menschengeschlechtes belebt und treibt. Wir enden hiermit unsere Betrachtung, obwohl wir sie im Einzelnen noch weiter führen könnten. Vorzugsweise war es uns auch hier darum zu thun, durch die Beleuchtung eines Stückes jüdischen Alterthums unseren Lesern den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart zum Bewußtsein zu bringen und die Einheit und Consequenz, die ganz besonders im Wesen und in der Geschichte des Judenthums vorhanden ist, klar zu legen. Uns ist es eine ernste Aufgabe, Freunden und Feinden zu erweisen, daß das moderne Judenthum in seinem Charakter und seiner Tendenz durchaus kein neues, von seinem Stamm abgelöstes oder gar abgeriffenes Product ist, sondern die Verwirklichung alter, im Judenthume stets vorhandener und unter günstigen Umständen stets hervorgetretener Tendenz, die also, mit der Wurzel im Mosaismus, mit dem Stamm im Prophetismus, ebenso jüdisch-naturwüchsig und vollberechtigt ist, wie es die Ausarbeitung und Verästelung der Halacha einst gewesen.*) *) Wir hatten die Absicht, über die beiden Theile des Buches Daniel (Capp. 1—6 und Capp. 7—12), deren Verschiedenheit, Abfasser und Abfaffungszeit abzuhandeln; doch würde dies einen zu großen Raum in Anspruch nehmen. Wir verweisen daher auf die ansführliche Besprechung in unserer Einleitung zum Buche Daniel, in uns. Bibelwerke, 2. Aufl. Bd. III. S. 877 ff. Beide Theile bilden für sich abgeschloffene, mit einander in keinem Zusammenhänge stehende Bücher, die an Inhalt, Tendenz und Form durchaus verschieden sind. Der erstere enthält geschichtliche Erzählungen aus dem Exil, der andere ist visionär über die Drangsale des jüdischen Volkes unter den Syrerkönigen, beide sind also durch viertehalb Jahrhunderte von einander getrennt. Der erstere zeigt die Strömung des jüdischen Geistes auf die innerasiatischen Völker und die Anerkennung des einzigen Gottes seitens der Heiden; der andere will die bedrängten Juden in der Glaubenstreue festhalten durch Verheißung von Rettung und Lohn. Wir heben zur Charakterisirung nur eine Stelle jener Einleitung hervor:

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