Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1870)
- Date
- 1870-10-25
- Page
- Seite 841 (sequence 5)
- Language
- German
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841 als das unsrige, in welchem eben der Staat seine Umgestaltung auf liberalen Grundsätzen der Gesellschaft begann und fortführt und durchsetzt. In Landern, wo liberale Staatsformen und Gesetze früher zur Herrschaft gelangten, räumte man den Juden sofort eine nur geringeren Beschränkungen unterworfene Stellung ein, wie in England und Holland; die Schöpfung der nordamerikanischen Union konnte nicht anders als mit ihrem Beginne schon die Gleichstellung Aller vor dem Gesetze ohne confessionelle Berücksichtigung mit sich bringen, und die französische Republik von 1792 mußte die Juden als gleichberechtigte Bürger anerkennen, womit die Revolution bis dahin gezögert hatte. Wie in den übrigen Ländern die Stellung der Juden sich allmalig mit dem Fortschritt liberaler Staatsgrundsätze verbesserte, wie man dabei bis aus den heutigen Tag gegen jede und alle Reaction zu kämpfen habe, bedarf keiner Auseinandersetzung. Dieser Liberalismus war, wie gesagt, mit dem religiösen Fanatismus unvereinbar; die Abschwächung deffelben war deshalb überall die Begleiterin jenes. Än seiner zähen Natur sucht er stets noch irgend ein Stückchen, einen Zipfel des Herrschermantels festzuhalten, wo ihm dieser bereits entrissen ist. Dies gewahren wir z. B. in Preußen. Wer den ganzen großen Proceß in Miniatur vor sich sehen will, der hat in den jüngsten Tagen nur den Umsturz des Kirchenstaates zu beobachten. Hier hatten der religiöse Fanatismus und die vollständige politische Reaction die unbedingte Herrschaft. Mit dem Einzuge der italienischen Truppen in Rom war dies Alles mit Einem Schlage umgestürzt, und wie die Bewohner des Kirchenstaates mit Einem Male Bürger einefteien Staates wurden, so gingen auch die römischen Juden aus ihrem Ghetto als freie Bürger hervor. Es ist daher ebenso natürlich, daß die Juden überall der liberalen Partei angehören. Es ist dies nicht blos Dankbarkeit, sondern auch die einfache Bedingung ihrer bürgerlichen Existenz, da sie mit der Ber^ theidigung liberaler Grundsätze auch ihr eigenes Recht und bürgerliches Dasein vertheidigen. Es fließt dabei die liberale Gesinnung aus ihrer geschichtlichen Erziehung heraus, was bekanntlich für die Mehrzahl der Menschen hinsichtlich ihrer politischen Anschauung und Ueberzeugung entscheidend ist. Glücklicher Weise stimmen aber hiermit die innersten Lehren des Judenthums überein, welches sowohl eine sociale Religion überhaupt ist, als auch seinem innersten Wesen nach liberale Principien verkündet hat. Es versteht sich, daß es auch unter den Juden Persönlichkeiten gab und giebt, welche sich auf einen entgegengesetzten Standpunct gestellt haben. DieS ist in irgend welcher Menschenmaffe durch die Eigenthümlichkeit der Geister und besonders der Jnteresien garnicht anders möglich. Dies hat aber auf die Gesammtheit garkeinen Einfluß. Nicht minder ist es allzu wahr, daß auch in neuerer Zeit der religiöse Fanatismus unter den Juden selbst sich Stätten aufgeschlagen, und es einzelnen Persönlichkeiten gelingt, irgend welche Häuflein zu fanatischem Gebühren um sich zu sammeln. Aber selbst die große Maffe der civilisirten Juden läßt diese Versuche von sich abgleiten, und alle Bemühungen, ein Schisma, eine dauernde und durchgreifende Spaltung hervorzubringen, erwiesen sich vergeblich. Dabei ist hervorzuheben und giebt ein unwiderlegliches Zeugniß der inneren Schwäche, daß diese jüdischen Nachaffer des Ultramontanismus dennoch die illiberale Consequenz scheuen und mit dem Liberalismus cokettiren. Diese sg. Orthodoxen wollen doch emancipirt sein, Richter, Officiere und dgl. werden, obschon sie wiffen, daß die orthodoxe llebung der jüdischen Satzungen hiermit garnicht vereinbar ist. So verfahren keine christlichen Ultramontanen; diese bekennen sich offen zum Syllabus, seien sie katholisch oder protestantisch. Diese jüdischen Orthodoxen aber fürchten, dadurch allen und jedweden Boden bei der jüdischen Maffe zu verlieren. Was nun diesen Liberalismus betrifft, so haben wir zwar nachgewiesen, daß eine gewiffe Herrschaft deffelben auch in der alexandrinischen, römischen und spanisch-arabischen Periode vorhanden war, so daß die Juden eine Stellung in der allgemeinen Welt und eine gewiffe Wirksamkeit auf die allgemeine Cultur damals zu erlangen vermochten. Allein inwiefern die Juden jener Zeiten politisch liberale Grundsätze hegten und einen politischen Einfluß übten, läßt sich wenig eruiren. Philo spricht sich für die Monarchie aus, allein mehr als eine symbolische Consequenz aus der Einzigkeit Gottes. Er und Jvsephus lebten unter den römischen Cäsaren, letzterer als Günstling derselben. Unsere Zeit hat hierin eine unmittelbare Anlehnung allein an die chaldäische Periode. Diese nun zeigt uns, wie wir gesehen, eine große directe politische Einwirkung seitens der Juden. Wir erkennen einen Kampf der jüdischen und antijüdischen Partei, einen zeitweiligen Sieg dieser oder jener unter Nebuchadnezar, Ahasveros, Belsazar, Darjawesck, Cyrus, Artaxerxes. Eine solche bestimmte Beeinstuffung und theil- und zeitweise Obmacht besitzen die