Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1870)
- Date
- 1870-10-25
- Page
- Seite 840 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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840 Die erste Hülste des Luches Daniel, v. <S ch i n ß.) Wir brauchen kaum hervorzuheben, daß auch in unserer Zeit jene Bedingungen, welche wir, um Juden zu einer Einwirkung auf die allgemeine Culturwelt fähig zu machen, als nothwendig gestellt erkannten, vollständig erfüllt worden. Schon die ersten Träger dieser Tendenz in unserer Zeit waren Männer von umfassendem jüdischen Wissen und bedeutender wissenschaftlicher Bildung; Menasse ben Israel schrieb ebenso gewandt in hebräischer, wie in spanischer, portugiesischer und lateinischer Sprache; Mendelssohns zweite Schrift war eine von der k. Akademie der Wissenschaften zu Berlin gekrönte Preisschrift, und wie sein Hebräisch fließend und correct, so fein Deutsch mustergültig. Aber unsere Zeit ging weiter: sie faßte als ihre Aufgabe die wissenschastliche Bearbeitung des Judenthums, um so nicht blos die jüdische Lehre in die Wissenschaft, sondern auch die Wissenschaft in das Judenthum zu verpflanzen, und sie strebte zugleich, die Resultate dieser wissenschaftlichen Forschung und Behandlung innerhalb des Judenthums in der jüdischen Masse zu verbreiten. Was daher die Alexandriner und die Spanisch-Araber von ihrem Standpuncte gethan, das vollbrachten die neueren Juden und vollbringen es, unermüdlich weiter strebend, in den umfassendsten Maßen.*) Wahrend jene sich begnügten, das Judenthum mit der Philosophie, besonders der zu ihrer Zeit gültigen in Uebereinstimmung zu bringen, ist die Arbeit der neueren Juden vielmehr auf die Geschichte des Äudenthums und der Juden, die äußere wie die in- *) Man hat es vor einiger Zeit versucht, die populären systematischen Darstellungen der jüdischen Religionslehre, d. i. die sg. Katechismus-Literatur, für unnütz zu erklären, ja lächerlich zu machen. Selbstverständlich ist ein jüdischer Religionsunterricht, der sich auf einen Katechismus beschränkt, durchaus unzulänglich; schließlich aber kann ein solcher Unterricht ebenso wenig ganz entbehrt werden, weil er den jugendlichen Geist nach allen Seiten auf dem religiösen Gebiete klar und bewußt macht, und haben die Katechismen das Verdienst, dem jüdischen Publicum einsichtlich gemacht zu haben, daß die jüdische Religion nicht jene confuse und abstruse Masse sei, als welche sie ihm früher erschien und erscheinen mußte. nere, gerichtet, sowie auf die Ueberciustimmung deS Judenthums mit der resultirten allgemeinen Erkeuntniß, mit den Ergebnissen der intellectuellen, politischen und socialen Bildung der Menschheit; wahrend jene die Individualität des JudenthumS in seinen specifischen Lehren und Formen herauszustelleu und wissenschaftlich zu begreifen suchten, so weit dies der damaligen Zeit angehorte, geht das gegenwärtige jüdische Geschlecht vielmehr darauf aus, die Universalität deS Judenthums oder besser seinen universellen Gehalt, seine geschichÜiche Stellung und Mission in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sestzustellen. Hiermit ist sowohl eine bei Weitem größere Wirksamkeit für die allgemeine Culturwelt erreicht, als auch diese nicht als eine bloße Tendenz erfaßt, sondern zugleich eine neu belebende, die jüdische Gedankenwelt in sich stärkende und sichernde Wirkung gewonnen. Man arbeitet niemals mit der Absicht, Propaganda zu machen, sondern das Judenthum von Neuem auszubauen, zu klären und zu lautern, und gelangt auf diesem Wege zu dem doppelten Ziele, das Judenthum in sich zu festigen und nach außen Stellung nehmen zu lassen. Um so weniger wird es uns auffallen, jene beiden Axiome, daß ein wirksamer Eintritt des Judenthums in die allgemeine Weltsphäre nur unter einem gewissen politischen Liberalismus, und bei dem Mangel an religiösem Fanatismus seitens der übrigen Völker möglich war und fei, auch in unserer Zeitperiode bethatigt zu sehen. Ein illiberales Regiment kann den Juden kein Zugeständniß bürgerlicher Rechtsexistenz machen, und jeder religiöse Fanatismus wird sich stets gegen das Dasein des Judenthums und der Juden mit aller Kraft und Gewalt, die ihm gerade zu Gebote steht, wenden. Eine jede Reaction wird sofort den Juden ihr bürgerliches Recht wieder zu nehmen oder wenigstens zu beschneiden trachten, und vermag sie dies nicht durch die Gesetzgebung, so wird sie es durch die Verwaltung möglich machen. Jeder religiöse Obscuranüsmus ist ausschließlich und gegen jede andere Religionspartei gehässig, gegen das Judenthum in doppeltem Maße, weil es die Mutter der beiden positiven Religionen, ihr Fundament und Grundstock ist, und weil es die vernünftige Erkenntniß als berechügt anerkennt. Dies ist Alles ebenso einfach logisch, wie durch die Geschichte in zahllosen Beispielen erwiesen. Kein Jahrhundert seitdem das Christenthum und der Islam die Herrschaft erlangten, war daher im Stande, den Juden weitgehende bürgerliche Rechte und zuletzt die bürgerliche Gleichberechtigung zuzugestehen,