Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1870)
- Date
- 1870-10-25
- Page
- Seite 839 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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839 von denen der Franzosen und der Stadt Paris, ja, sind sich völlig entgegengesetzt. Die Juden erhoben sich gegen die Römer, von welchen sie einen unerträglichen Druck und die schreiendsten Gewaltthaten ertragen hatten, sie erhoben sich, als die Römer das Maß durch einen Angriff auf die Religion, durch die Aufstellung der Götzenbilder ihrer Kaiser im Tempel des einig-einzigen Gottes und die Forderung der Anbetung eines Caligula und Nero voll machten. Der Zweck ihres Kampfes war die Bertheidigung ihrer Nationalität und Religion, die Befreiung derselben aus der äußersten Knechtschaft. Was aber trieb die Franzosen zu einem Kriege gegen Deutschland? Die Eifersucht auf die militärischen Erfolge Preußens, das Verlangen, ihre Gloire über den Ruhm Preußens zu stellen und die Eroberung des linken Rheinufers, wo möglich auch Belgiens, schließlich der französischen Schweiz. Welch' ein Unterschied in den Motiven des Kampfes! Das jüdische Volk war durch die Herrschaft der Römer desorganisirt, im Waffenhandwerk ungeübt, aller Mittel und Werkzeuge beraubt, ohne geschulte und erfahrene Führer; sein Kamps war also von vornherein ein Helden - und Verzweiflungskamps. Die Franzosen halten aber nur eine militärische Promenade nach Berlin im Sinne; sie hatten eine centralisirte Macht, deren Schwerpunct in der Hand eines Mannes lag; ihre Heere waren in drei Welttheilen zum Kriege gebildet und geübt, und seit Jahren war ein ungeheures Kriegsbudget auf alle möglichen Vorbereitungen, auf Anhäufung alles möglichen Kriegsmaterials verwendet worden, ja sie besaßen Waffen neuer Art, deren mörderische Wirkung alles Dagewesene übertreffen sollte. Es kann in der That nur einem Pietistengehirue entspringen, hier Analogien zu finden. Die Juden wußten, was ihnen bevorstände: die völlige Vernichtung ihres nationalen Bestandes, wo möglich auch ihres religiösen; darum bestand ja auch Titus auf die Zerstörung des Tempels; Tod und Sklaverei waren das alleinige Loos der Besiegten, und jeder Vertrag mit den Römern hätte doch zu nichts Anderem geführt, als zu Verbannung, Gefangenschaft, Knechtschaft und Tod; ein Vertrag unter günstigeren Bedingungen würde doch von den Römern nicht gehalten worden sein, das wußte man; Titus hatte nur Eile, nach Rom zu kommen, und die Nothwendigkeit, durch Vernichtung der Juden der flavischen Herrschaft einen Triumphzug bereiten zu können. Haben die Deutschen irgend Derartiges zum Ziele? Wahrlich nicht. Sie wollen weder die Vernichtung der Franzosen, noch sie zu einer zweiten"Macht herabdrücken, sie wollen nur zukünftige Sicherheit vor derartigen Kriegen und fordern deshalb ein Gebiet zurück, das früher deutsch war, und das nur den zwanzigsten Theil des jetzigen Frankreichs ausmacht. Wollten die Franzosen dieses Zugeständniß machen, könnten sie jeden Tag den Frieden haben, und Paris vor jeder Beschädigung bewahren. Somit liegt eine weite Kluft zwischen jenem jüdischen Kriege, den wir noch jetzt den jüdischen Freiheitskrieg nennen, so unglücklich er auch ausfiel, und dem gegenwärrigen deutsch-französischen Kriege. Weder sind die Deutschen Römer, noch die Franzosen Juden. Der Kampf der Juden war einer der glorreichsten in der Geschichte der Völker, der Fall Jerusalems ruhmreich. Es gehörte zum Unglück der Juden, daß ein römisch-kaiserlicber Söldling den jüdischen Krieg beschrieben hat, und diese tendenziöse Geschichtserzählung allein übrig geblieben ist. Ta werden die Vertheiviger Jerusalems, statt wegen ihres Heldenmuthes, ihrer Todesverachtung und ihrer höchsten Motive, den Lorbeer zu erhalten, mit Schmähungen gebrandmarkt. Aber die unparteiische Geschichte weiß zuletzt dennoch das Gespinnst des Truges zu zerreißen und die Nebel zu lichten. Sie wird für die Franzosen von 1870 keinen Lorbeer, keinen Ruhm haben, weder für die Motive ihres Angriffs, noch ihrer Bertheidigung. Wo man dem wunden und zerschlagenen Baterlande durch ein verhältnißmäßig geringes Opfer aufhelfen kann, da ist es kein Ruhm, in Eitelkeit und Selbstverblendung noch immer Tausende in den Tod zu schleudern und das Verderben seiner Nation immer größer zu machen. Die Juden hielten trotz aller Aussichtslosigkeit den Kampf aufrecht, weil sie entweder die nationale und die religiöse Freiheit oder den Tod wollten. Die Franzosen rufen: Kein Fuß breit Landes und kein Stein einer Festung! Es ist unschwer, den Unterschied zu begreifen. Diejenigen übrigens, welche den Fall Jerusalems als das Ende der jüdischen Station und des Judenthums betrachteten und noch heute gern betrachten möchten, wurden bitterlich getauscht. Unser Stamm und unsre Religion haben seitdem Viele untergehen sehen und überlebten sie, und sehen dies noch heute an Völkern, Staaten und Institutionen, und überleben sie. 43*