Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1870)
- Date
- 1870-10-25
- Page
- Seite 838 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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838 von vornherein jede derartige nationale Ausschreitung, und es gab sicherlich im ganzen Alterthume leine Stadt, wo Sittenstrenge und Familienleben in dem Maße vorherrschten, wie in der Hauptstadt der Juden. Schon der Gegensatz und Widerwille gegen alles Fremdländische, die Abwesenheit der Theater und Circus und was Alles hieran sich knüpfte, stand einer sittlichen Verderbniß entgegen. Gerade in diesem für nationale Existenz so überaus wichtigen Momente bieten Jerusalem und Paris nicht den entferntesten Vergleichspunct. Nach einer talmudischen Legende soll Jerusalem wegen des darin herrschenden Geizes gefallen sein. Das ist, wie man leicht einsieht, nur ein Einsall gewesen, in welchem wir nur den Ausdruck für den Vorwurf finden können, es habe in der Zionsstadt nicht genügend die Ausübung jener Barmherzigkeit stattgefunden, welche den unglücklichen Juden als ein wahrer Lebensodem und eine der reichsten Quellen des Heils erschien. Nein, selbst die Schriftsteller des sg. Neuen Testamentes wissen Jerusalem außer ihrer dogmatischen Beschuldigung, daß die Bekenner des Judenthums Jesus von Nazareth nicht als den „Sohn Gottes," nicht als einen Gott selbst, nicht als „Erlöser der Menschheit durch seinen Tod" anerkennen wollten, keinen anderen Borwurf zu machen, als den des Pharisäismus, worunter sie eine übertriebene Frömmelei in Ausübung der Ceremonialgesetze und einen fanatischen Eifer für diese verstanden. Wir verkennen dies nicht, obschon es ein Jrrthum und ein großes Unrecht ist, alle Diejenigen, welche streng auf die Uebung der Ceremonialgesetze halten, für Heuchler anzusehen, weil unter diesem Deckmantel sich öfter Unsittlichkeit und Ungerechtigkeit verbergen. Im Gegensatz giebt uns die Geschichte viele Beispiele, daß mit dem lauten Bekenntniß der reinsten religiösen und philosophischen Grundsätze nicht minder Heuchelei und Schlechtigkeit verbunden werden. Daß indeß die vorwaltende Tendenz im jüdischen Volke im großen Ganzen der Herrschsucht und dem fanatischen Zelotismus vielen Vorschub gewährte, räumen wir ein. Welche menschliche Institution gäbe hierzu keine Gelegenheit! Sehen wir uns in der wirklichen Geschichte um, so ist es durchaus nicht schwer, die eigentlichen Ursachen des Falles Jerusalems aufzufinden. Die erste und hauptsächlichste bestand in der Zerrisienheit und Spaltung des Volkes in mehrfache, sich blutig bekämpfende Parteien. Die Feldarmeen der Juden waren durch Verrath, Mangel an Disciplin und die überlegene römische Kriegführung vernichtet worden. Die unerfahrenen Häupter des Voltes hatten von vornherein die militärischen Streitkräfte nach den Provinzen getheilt, ihnen verschiedene Feldherren gegeben, und es so dem kriegs- und staatsklugen Bespasian möglich gemacht, eine Provinz nach der anderen zu erobern und endlich Jerusalem völlig zu cerniren, mit Verfchanzungen zu umgeben und von diesen aus die Stadt zu belagern, zu beschießen (mit den damaligen Werkzeugen) und zu erstürmen. Man sieht, in diesem Gange des Krieges liegen mancherlei Vergleichspuncte für den gegenwärtigen. Im ganzen Lande wie in Jerusalem bestanden drei Parteien: die Römersreunde, wozu selbst der jüdische König Agrippa gehörte, die gemäßigten Friedensfreunde, welche einen Vertrag mit den Römern verlangten, und die sg. Zeloten, welche sich unter den Trümmern Jerusalems begraben wollten und wirklich begruben. Außerdem aber waren namentlich die Zeloten selbst in Fractionen gespalten, welche miteinander um die Obherrschaft rangen. Stürmten die Römer, so vereinigten sich die letzteren, welche in Jerusalem die Gewalt besaßen, um mit einer seltenen Tapferkeit den Sturm abzuschlagen. Sobald dies jedoch geschehen, und die Römer in ihren Verschanzungen Ruhe hielten, hob der Kampf der Parteien und ihrer Fractionen unter einander immer von Neuem an, die brudermörderischen Waffen wurden gegen einander geführt, und blutige Metzeleien schwächten die Kräfte des Volkes zu dauerndem Widerstand. Es ist kein Zweifel, daß hierdurch allein das jüdische Volk seinem Schicksal erlag, und daß die römische Kriegskunst und Tapferkeit nicht im Stande gewesen wäre, den jüdischen Heroismus zu überwinden, oder doch Äahrzehende dazu gebraucht hätte, während welches Zeitraums vom Euphrat her leicht hätte Hülfe kommen können, wenn die Nation einig gewesen wäre. Die dreijährige Dauer des Krieges, die mehrfachen bedeutenden Erfolge der Juden und der große Aufwand von Kräften, deffen die Römer gegen diese kleine Nation bedurften, sind hierfür Bürgen. Außer der völligen politischen und militärischen Jsolirung ist also das Unglück des jüdischen Volkes in seiner Parteisucht, in der Herrschsucht und dem Fanatismus der Parteien zu suchen. Wir überlasten es dem Leser, hierin einige Vergleichspuncte mit der gegenwärtigen Lage der französischen Nation zu finden; aber hierin allein können dergleichen vorhanden sein. In allen anderen Momenten unterscheiden sich die Verhältnisse der damaligen Juden und Jerusalems gänzlich