Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1870)
- Date
- 1870-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JW 43 34. Iahrgan«. Allgemeine Zeitung -es Zu-enthnms. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 25. October 1870. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Dienstag«, in 2 bis 2'/r Bogen. Preis de« Jahrgangs 1 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Tblr. Ins««: werde» mit 1 */2 Ngr. fiit die Pettezeile oder deren Rmnn berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Beste!» Lungen cm» der Hcmpl-Expedrtum für beide Letztere hat sich das Äomgt. Sachf. Haupt-Zeitungs-Bureau unterzogen. Inhalt. Letteude ArtLkel: Jerusalem und — Paris. — Die erste Halste des Buches Daniel. V. jSchluß). Aett»»-S»achrichte»: Deutschland: Dresden, Berlin, Coblenz. — O est erreichisch» ungarische Monarchie: Gorlice — Frankreich: AuS Frankreich. - Italien: Vom Tiber, Rom, Aus Oberitalien.— Serbien: Belgrad. Feuilleton-Beilage: Die Juden in Metz. — Zur Geschichte der Judenverfolgungen und der Blut-Jubiläen. (Schuß). Leitende Artikel. Bonn, 16. October. Jerusalem und — Paris. Einem protestantischen pietistischen Blatte hat es in seinem Inden- und Franzosenhaffe gefallen, Paris in feiner gegenwärtigen Lage mit Jerusalem zu vergleichen und ihm des letzteren trauriges Schicksal vorauszusagen, d. h. zu wünschen. Das letztere wird nicht eintreffen, das erstere ist völlig unwahr, und man ist nur darüber in Zweifel, ob der Augen verdrehende Frömmler mehr aus Absicht oder aus Unwissenheit die Geschichte fälscht. Leider haben die Pfaffen aller Confessionen die erhabenen Lehren von der göttlichen Vorsehung und von der göttlichen Vergeltung so oft und so sehr mißbraucht und sie ihrem beschrankten Verstände und ihrem verschrumpften Herzen nach ins Kleinliche und Böswillige herabgezogen, daß es einer festen Ueberzeugung bedarf, um jene heilvollen Begriffe festzuhalten, die durch das Spiel jener Heuchler für zahllose Menschen verloren gegangen'. Wir glauben nicht und hoffen noch weniger, vaß Paris das Schicksal Jerusalems theilen werde. Hierzu fehlen die wirkungsvollsten Bedingungen. Ob bombardirt oder nicht, ob mit Sturm genommen oder nicht, eine Stadt wie Paris, eine Wohnstätte von zwei Millionen Menschen, ein großer Mittelpunct der civilisirten Welt wird von deutschen Heeren nicht von der Erde vertilgt und über seine Trümmer die Pflugschaar gezogen und Salz gestreut. Deutsche Krieger sind keine römischen Legionäre, und Wilhelm I. kein ebenso grausamer wie heuchlerischer Titus. Bestünde das belagernde Heer aus pieüstischen Schwarzröcken, so möchte es wohl geschehen, daß Paris dem Boden gleich gemacht würde, damit jene ausrusen konnten: Sehet das Strafgericht Gottes! 3m Zusatzgebete jedes Festtages bekennen wir, daß die Entfernung unseres Volkes aus dem Lande unsrer Vater, also der Fall Jerusalems und des Tempels, „wegen unsrer Sünden" stattgefunden. Nichts ist auch sicherer, als daß der dauernde Sturz eines Volkes aus seinem inneren Verfall, aus seinen Fehlern und Sünden erfolgt. Sehen wir nun nach, „welche Sünden" in Jerusalem vor seinem Falle vorhanden gewesen. Bon dem, was man gewöhnlich unter sittlicher Entartung versteht, und wofür gerade Paris als der Siedepunct gehalten wird, von Ausschweifung, Ueppigkeit, unmäßigem Luxus, Corrupüon u. dgl. war in Jerusalem keine Spur. Die genaue Uebung des jüdischen Gesetzes verhinderte