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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-18 · Heft 42 (18.10.1870) · p. Seite 835

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 42 (18.10.1870)
Date
1870-10-18
Page
Seite 835 (sequence 20)
Language
German
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8K5 die schlimme Folge seines schlimmen Vorhabens und laust, vom erwachten Gewissen arg gefoltert, auf der Stelle zum Priester Johannes, demselben fast athemlos alle die Dinge beichtend, so ihn und Anna gemeinschaftlich betroffen. Der Pater hat indessen nur die einzige Frage, wo nämlich in diesem Augenblicke die heiligen Hostien sich befänden, und als er vernimmt, daß diese bereits unter dem Rasen auf der Stadtwiese vergraben seien, ist rasch fein Plan gefaßt, — sein Plan zum Verderben der Juden des Ortes, denen er längst die bitterste Rache geschworen. — Der Stadthirt wird, da sein Mund vielleicht schaden könnte, sofort in einen Keller des Klosters gesperrt, Anna aber schleunigst in die Sacristei gerufen und ihr hier, unter den härtesten Ausdrücken, all' das Böse vorgehalteu. was sie von ihrer ersten Juvenbedienung an bis aus den heutigen Tag begangen. So viel Sünden und Verbrechen, sagt ihr der ftomme Johannes, — könnten nickt anders als durch den Tod gebüßt werden: wollte sie aber gesühnt sterben und sicher sein, daß ihre Seele nicht in's ewige Fegefeuer, sondern recht bald in's Himmelreich käme, so müßte sie vor ihrem Tode erst bekennen, daß all' thr Unglück einzig und allein von den I u d e n herrühre, — öffentlich und feierlich bekenneu, wie namentlich zu dem von ihr verübten Kirchendiebftahl und der Hostienentweihung sie durch den Rabbiner und die Aeltesten der Posener Judenschaft „mittels Lersprechungen und Bestechungen" verleitet worden sei. Die Magd gelobt Alles zu sprechen und zu rhun, was der göttliche Mann ihr anrieche, wenn sie nur gewiß sei, daß ihres Leibes ein leichter Tod und ihrer «seele ein baldiger Eintritt in's Paradies 2er Seligkeit warte. — Die Klosterbrüder von Sauct Dominik versammeln sich, der Propst der Maria - Magdaleuenkircke erscheint auch und mir ihm der Stadtpräsident, gefolgt von allen den Herren, welche das Magistratscollegium bilden. I o - Hannes Rycziwol und die Magd Anna treten auf. Ersterer trägt „ganz nach seinem Sinne" die Begebenheit vor, und Letztere bekennt feierlichst Alles so. wie eS ihr in's Herz, wie es ihr in den Mund gelegt worden. Johannes wird lebhaft begrüßt, Anna aber in eine freundliche Zelle gebracht und daselbst nur von geistlichen Personen bedient und unterhalten. Den Liehhirtea hingegen holte man aus feinem Gewahrsam hervor, auf daß er die ganze Versammlung nach der Wiese und speciell nach dem Orte führe, wo das Verbrechen verübt worden. Daselbst angekommen, werden etwas über der von dem Führer bezeichneten Erdftelle drei ' zufällig in der Luft herumfiatternde) weiße Schmetterlinge erblickt, unter dem Rasen aber nach kurzem Suchen die drei Hostien gefunden.') Man rührt indessen das Heiligthmn nicht an, sondern läßt es ruhig an feinem Platze liegen und schickt eine Deputation in die Stadt, ’) Daher das Märchen, daß die Hostie« fich iu Schmettertrüge verwandelt hatten. um den Bischof herbeizuholen. Dieser kommt, von der gesammteu Geistlichkeit gefolgt, und weist den Pater- Johannes Rycziwol an, die Hostien aus dem Moraste zu holen. Johannes hat sich schnell des ihm gewordenen ehrenvollen Auftrages entledigt, und es wird nun der wunderbare Fund, vom Bischof selber getragen, in feierlichster Procession nach der Stadt und in die große Pfarrkirche gebracht. Bisher haben die Juden des Orts von Allem, was geschehen, auch nicht das Mindeste gewußt; nun aber werden sie auf eine furchtbare Weise ganz plötzlich aus ihrer Ruhe aufgeschreckt. Denn eine bewaffnete Macht dringt in's Ghetto ein und nimmt den greisen Rabbi sammt den dreizehn Gemeindeältesten gefangen. Die Unglücklichen werden auf's Stadthaus geschleppt, hier —ohne jegliches Verhör — in Ketten gelegt und. Einer vom Andern streng abgesondert, in das Criminalgefängniß gesperrt. Am dritten Tage erst erfahren die Jnternirten, daß sie angeklagt und überführt seien, eine Christin zur Entwendung dreier geweihter Hostien verleitet und die letzteren, als sie in ihrem Besitze waren, erst durch Nadelstiche resp. Blutabzapfen und dann durch Versenken in den Sumpf grausam geschändet zu haben. — Rechtfertigung wird nicht angehört, Bertheidigung nickt zugelassen — und besondere Gnade nur für den Fall versprochen, wenn die Angeklagten sich dazu verstehen wollteu. ihren Glauben mit dem römisch-katholischen zu vertauschen. Geschähe dieses nicht, so hätten sie Alle die härteste Strafe, den „Tod auf dem Scheiterhaufen," bestimmt zu erwarten. Auch in das Ghetto dringt alsbald die Kunde vom Dem. wessen der Rabbi und die Gemeindeväter bezüchrigt seien, und was ihrer harre. Mir Blitzesschnelle eilt's hier von Mund zu Munde, und die Bestürzung ist so groß, daß Biele — ja, die Meisten — die schleunigste Flucht ergreifen, diese als daS einzige Mittel erkennend, um vor dem Wuthausbruck des Pöbels, den man allgemein befürchtet, sich zu retten. Dre Geflüchteten tragen die Schreckensbotschaft in'S Land hinaus, wo sie gar schnell von Gemeinde zu Gemeinde sich verbreitet und allenthalben die bittersten und schmerzlichsten Gefühle bervorruft. Man kommt zusammen, pflegt Rath und Besprechung, gelangt aber bald zu der Erkenmniß. daß in dieser Zeit und in dieser Situation Nichts weiter übrig bleibe, als an den König selber sich zu wenden, um von diesem eine rettende Intervention zu erwirken. Die an Wlad islaw V.«der damals die Polenkrone trägt) entsandte Deputation trifft denselben aber in seiner Residenz (Krakau) nicht mehr an und muß ihm nach der Hauptstadt Litthauens, wohin ') Wenn bei Manchen hier „Wladislaw II." genanni ist, so rechlferügt cs sich d-mit, daß es der zweite „König" des Namens Wladislaw gewesen, da ja, wie bekannt, von den sieben Wladislawen, die auf dem polnischen Thron gesessen, nur die 4 letziern den Königs^, die :? erster« aber den Herzogstitel geführt haben.

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