Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1870)
- Date
- 1870-10-18
- Page
- Seite 834 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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834 Zur Geschichte -er Iu-enversolgungen und der Blut-Jnbilöen. Kon.Louis Weyl in Frankfurt a. d. Oder. «Fortsetzung.) Darob verstummte jeder feindliche Mund, und war kein Wort mehr der Gehässigkeit und des Fanatismus zu vernehmen. Alles schien versöhnt, und selbst die, welche vor kaum drei Jahren auch noch so boshaft und verfolgungösüchtig wider die Juden ausgetreten waren, näherten sich diesen jetzt nicht anders als mit Worten fteundlichen Trostes und zarter Beruhigung. Auch I ohannes und seine Genoffen schwiegen. — Aber ihr Schweigen war nur ein dumpfes Brüten, ein Brüten auf neue Verfolgung und Rache, — sie zu üben, wann er st der rechreZeitpunct gekommen sein würde. — Und er kam, für die Feinde sicherlich zu spät, für deren auserkorene Opfer aber noch viel zu früh, viel zu plötzlich und zu unerwartet. Denn noch waren nicht volle drei Jahrzehnte vergangen, während welcher die Juden von Posen unter leidlichen Zuständen der Ruhe und des Friedens gelebt hatten, als der Dominicaner Johannes Rycziwol, inzwischen ein Gre«s -geworden, von Neuem aufstand, sie zu verderben, sie völlig zu Grunde zu richten. — Es ist ihm dies, Gottes Lob, nicht gelungen: wohl aber ist daß, was er erreichte, mehr als genügend gewesen, um inmittender Christenheit seinem blutigen Ruhme von früher her neuen Glanz zu verleihen, so wie der Judeuheir neue tiefe Wunden zu schlagen, deren traurige Folgen nach Jahrhunderten noch gar arg und bitter - schmerzlich gefühlt worden sind. Es war im Lenzmonat des Jahres l399, als die bereits erwähnte christliche Dienstmagd Anna dem Priester Johannes unrer andern Sünden auch die beichtete, bei einem reichen Juden, in deffen Hause sie von Sabbath zu Sabbath gewiffe Dienstleistungen verrichtete, einen Beutel Geldes gestohlen zu haben. — Alles verübte Böse aber, was das zerknirschte Beichtkind de- und reumüthig bekannte, verschwand vor dem Ohre des ftommen Beichtvaters in ein Nichts, gegenüber der einen großen Sünde „einen Juden zu seinem Nutz und Frommen bedient zu haben." Dies Vergehen allein, — erklärte der Dominicaner ausdrücklich der einfältigen armen Sünderin — wiege schwerer als zehn und zwanzig Diebstähle, an Juden oder Anderen begangen, und könne durch eine der härtesten Kirchenbußeu nur gebüßt und gesühnt werden. Eine solche ward denn auch der Anna aufgelegt; aber während sie sich derselben geduldig unterzog, war ihre Seele fortwährend von dem"einen Gedanken beschäftigt, daß ihr Beichtvater „zehn- und zwanzigsachen Diebstahl" weit geringer denn eine einzige Judenbedienung angeschlagen, — woraus sie denn den (ihr ganz richtig scheinenden) Schluß ziehen zu können glaubte, daß Stehlen überhaupt gar nicht Sünde sei, wenn man nur keinen Juden bediene. — Und sie bediente von nun an auch keinen Juden mehr, legte sich dafür aber, um ihre kläglichen Zustände zu verbessern, desto eiftiger auf's Stehlen und erschrak dann sogar nicht davor, diese Kunst — nachdem ihr deren Ausübung zu wiederholten Malen außerordentlich geglückt war — auch an geweihetem Gute zu versuchen. Hierzu bot ihr die reiche Kirche von Sanct Dominik, zu deren fleißigsten Besucherinnen sie gehörte, gerade die beste Gelegenheit dar, und sie ließ sich dieselbe auch nicht entgehen, sondern stahl gar bald — mittelst Erbrechens eines kleinen Schrankes —mehrere sehr werthvolle Silbergeräthe, und unter dieseu auch einen Kelch, in welchem drei Hostien sich befanden., — Ohne jedoch von den letztern etwas bemerkt zu haben, eilt die Diebin mit den gestohlenen Sachen von dannen, um selbige vorläufig an einem sichern und entlegenen Ort zu verbergen, bis der geeignete Zeitpunct käme, wo sie Alles — sei es auf einmal oder nach und nach — zu Gelde machen könnte. Sie hat aber das Unglück, von einem Hirtenjungen bemerkt zu werden, als sie gerade damit beschäftigt ist, am Rande einer Wiese den Rasen abzustechen, um daselbst ihren Schatz unter der Erde zu vergraben. — Bon natürlicher Neugierde getrieben, eilt der Knabe, sobald die ihm wohlbekannte Anna fort ist, an die Stelle, wo er diese in gebückter Stellung thätig gesehen: er staunt nicht wenig über die locker austiegenden Rasenstücke, scharrt sie weg, sucht nach und findet — zu seinem noch weit größern Staunen — was er hier zu finden nie geahnt, nie vermuthet hätte. Schnell hat er seinen (nicht allzuweit davon weilenden« Vater, den alten Stadthirten, herbeigerufen, welcher mit Schrecken sieht, was sein Sohn gefunden, und mit Entsetzen hört, wer diese Sachen, die von ihm sofort als Kirchen stücke erkannt sind, hier vergraben. Beflügelten Schrittes kehrt der geängstigre Mann in die Stadt zurück, um Anna, die nicht nur seine Verwandte, sondern auch Mitbewohnerin seines Hauses ist, zu Rede zur stellen. Und die erschrockene Magd gesteht ihrem Vetter und Wirth nicht nur das, was sie heute gethan, sondern berichtet ihm auch genau und haarklein Alles, was demselben vorangegangen. So hört denn der greise Hirt natürlich auch das, was der Priester Johannes bei der Beichte in Betreff des Diebstahls geäußert, und ist nun in Folge dessen mit seiner Base gar bald verständigt und dahin vereinbart, die Hostien zu vergraben, das Silbergeräth aber so schnell als möglich zu verkaufen und den Erlös zu cheilen. — Es soll indessen anders kommen. Denn als am andern Morgen unser Hirtenjunge auf der erwähnten Wiese, wie gewöhnlich, die Rinderheerde hütet, bemerkt er — zu seiner höchsten Bestürzung — daß einige der Thiere von der Viehseuche, die dazumal in und um Posen grassirte, in gar hohem Grade schon befallen seien. Der eiligst herbeigerufene Vater sieht in der sich ihm darbietenden Erscheinung nur