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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-18 · Heft 42 (18.10.1870) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 42 (18.10.1870)
Date
1870-10-18
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Beilage zu Nr. 42. Leipzig, den i$. October 1870. Gebete Während des Krieges, xv. Traurige Kunde, die das Herz mit Sorge beschwert, den Blick in die Zukunft verdüstert! Man schreibt mir: „Die Wirkungen des Krieges sind nicht allein die sichtbaren, die schrecklichen Verluste an Menschenleben, der Untergang des Wohlstandes, die Verheerung der Städte und Dörfer — tiefer geht noch die moralische Verwilderung, die für ein ganzes Geschlecht nicht blos bei den Besiegten, auch bei den Siegern sich einnistet, und mit der längern Dauer des Krieges immer starker hervortritt und immer nachhaltiger sich einfrißt. Da geht jedes Gefühl des Rechts und der Billigkeit unter, jede Empfindung des Mitleids verloren, die Unterscheidung des Eigenthums wird schwach, die Neigung zur Mißhandlung und Gewaltthat stark — die Nothwehr, die Rache, der Haß, die wilde Begier und deren mögliche Befriedigung, die Lust am Zerstören — ach, das sind die Leidenschaften, die der großen Masse der Kämpfer sich bemächtigen, und die jeden Augenblick Zunder und Funken finden, sich zu entzünden und aufzuflammen. Wie werden die Rückkehrenden Mühe haben, sich in die strenge bürgerliche Ordnung wieder einzugewöhnen, das Gesetz, noch mehr die Sittlichkeit zu respectiren, sich vor Ausschreitungen aller Art zu wahren, mit einem Worte, das friedliche Leben zu führen, und desien Anforderungen zu genügen!" Sv klagt ein ruhiger Beobachter, der aber mitten im Heere lebt und allen Wechsel des Krieges, alle Mühen und Beschwerden, Entbehrungen und Aufregung mitten in den Reihen mitmacht. Das ist nicht der leibliche, das ist der seelische Schade, der an Hunderttausenden droht, und der auch am Sieger sich vollzieht und mit seinem Siegeszuge und dem Friedensfeste bei uns sinkehren wird... Herr! ich bin erschrocken. Was viele Jahrzchende des Friedens mühsam heranerzogen, gebildet, entwickelt haben am Volke — das wird verderbt und untergraben in kurzem Feldzuge, auf viele Jahre hin ge- und zerstört. Rohheit und Sittenlosigkeit, Anmaßung und Wildheit sind ansteckende Krankheiten, welche schnell und weit um sich greifen, und das nachwachsende Geschlecht durch das Beispiel leicht in Besitz nehmen! Was können wir dem entgegen vor Dir beten? Sind wir doch machtlos solcher Erscheinung gegenüber; können ^doch hiergegen keine Erfolge, keine glücklichen Ereignisie, keine Triumphe helfen... Wir können nur beten: o sende den Frieden uns bald! Mach' diesem schaurigen Kriege schleunigst ein Ende! Füg' es, ja, füg' es, Herr aller Geschicke, der du. die Herzen der Mächtigen und Entscheidenden in Deiner Hand hältst, daß sie sich zum Frieden neigen — damit all diese Uebel und Schrecken nicht durch ihre Dauer alle Seelen vergiften, und das Unheil sich nicht so tief in den Grund der Geister senke, bis daß es unheilbar wird! Ja, Du läffest den Menschen in die Versuchung kommen, daß er durch eigene Kraft Herr werde des Bösen und es überwinde. Aber Du weißt, wie schwach der Staubgeborne ist und wie leicht er sich der Gewalt der Leidenschaft ergiebt. So steh' uns bei, daß diesem herrlichen, bewährten Volke kein dauernder Schade geschehe, daß, wie es so groß und würdig begonnen, es auch zu Ende führe in Ernst, Besonnenheit und Rechtsgefühl! Du vermagst es, durch die Zusammensügung der Umstände, Du allein durch Einreihen und Zusammentreffen der Ereigniffe uns zum Frieden zu bringen und so den Taumelkelch von den Lippen unsres Volkes zu reißen, und all' unsere Brüder und Söhne in die umfriedete Heimath zurückzuführen, dort, auf den Stätten der Sitte, in dem Pflanzgarten der Liebe, des Wohlwollens, wo das Recht sein Urtheil spricht und die Barmherzigkeit ihre That vollbringt, bald alle Rohheit des Krieges wieder zu vergessen, alle wilden Bräuche des Krieges abzustreifen -das thue, Gott, damit segne uns, Vater — so hebe jeglichen Druck von unserer Seele — Amen.

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